Print This Post  Ein Angsthase geht 5 Schritte

22. Juli 2008 | Beitrag eingestellt von Renate | Bisher 2,837 Aufrufe

RoseMeine Tochter (ich nenne sie mal Julia) lernte im Chat (März 2007) einen Asiaten kennen (ihm gebe ich den Namen Romeo) ☺.

Im Sommer 2007, bekniete mich Julia sehr lange um meine Einwilligung für eine Reise nach Asien, da sie Romeo in seinem Land besuchen möchte und auch sein Land kennen lernen wollte. Zu Beginn sagte ich ein striktes „nein“, doch letztendlich sagte ich „ja“ zu der Reise, obwohl Julia, zu dem Zeitpunkt erst 17 Jahre jung war. Vielleicht war es September als ich im Bahá’i-Sekretariat um eine Adresse von deutschsprechenden Bahá’is in dem asiatischen Land bat. Irgendwann erhielt eine eMailadresse und schrieb Frau A.. Wie selbstverständlich gab sie mir ihre Hilfe und Unterstützung, obwohl wir uns nur von eMails kannten. Dadurch fühlte ich mich beruhigt und so besuchte meine Julia ihren Romeo, in seinem Land, im Winter 2007/08 von Weihnachten bis fast Dreikönig. Die Reise wurde von Julias Vater finanziert. (Ich selber habe nur sehr geringe finanzielle Mittel, die mir monatlich zur Verfügung stehen. Und von Julias Vater bin ich seit 2006 geschieden.)
Ja und als meine Tochter in Asien war, sprühten bei beiden die Funken. Für beide freute ich mich sehr. Denn, Beide lach(t)en viel miteinander (übers Headset) und verstanden sich von jeher sehr gut. Aber – als Julia von ihrer Reise zurück war, teilte ihr Romeo mit, dass ihre Beziehung, wegen der enormen Entfernung keine Chance hat, jedoch möchte er weiterhin ihre Freundschaft. Julia verstand die Welt nicht mehr. Sie wusste und hörte von ihm in Asien, dass er dasselbe für sie fühlt, wie sie für ihn. Aber Romeo sah keine Zukunft für eine Beziehung. Das rechnete ich ihm das hoch an, da er sehr realistisch, vernünftig, aufrichtig und offen zu Julia war, auch wenn es sie sehr schmerzte. Und sie fühlte großen Schmerz. Sie litt sehr darunter nur „friend“ zu sein. Und ich stand hilflos daneben. Ja, hilflos, denn was sollte ich tun? – Nichts! Durch den Liebeskummer musste sie alleine hindurch. Und mir blieb übrig, als einfach da zu sein, wenn sie reden … wollte und Trost brauchte.

Und dann, kurze Zeit danach erzählte mir eine Bahá’i-Freundin von den 5 Gebetsschritte, von Shoghi Effendi.
• Beten
• Meditieren
• Entscheidung hören
• an der Entscheidung festhalten
• in absolutem Gottvertrauen handeln, als seien alle Fragen beantwortet

Nachdem ich davon hörte schrieb ich mir die 5 Schritte auf und legte das Blatt in mein Gebetbuch. Ehrlich gesagt, mich begeisterten die 5 Schritte. ENDLICH!, hatte ich etwas in der Hand nachdem ich mein Leben ausrichten konnte – und das wollte ich! So nahm ich mir fest vor, sollte ich mal die Gelegenheit bekommen und eine Entscheidung hören und/oder wahrnehmen, so möchte ich die 5 Schritte durch halten und nicht straucheln. Denn ich hörte noch, wie der 5. Schritt der Schwierigste sein soll.
„Nein!, an diesem Punkt möchte ich nie und nimmer scheitern“, waren meine Gedanken. Zwei Tage war ich von den Schritten sehr begeistert. Gerne hätte ich Gott dafür gedankt, doch wie? „Tue seinen Willen“, war die Antwort, die mir dazu einfiel. „Ja – wenn das so einfach wäre! Dazu muss ich seinen Willen zuerst mal erkennen! Und das ist nicht immer leicht.“
Mein Wille, alle 5 Schritte durch zu halten, war sehr stark. Gedanklich war ich plötzlich sehr ehrgeizig.
Das muss wohl so um den 7./8. Januar 2008 gewesen sein.
Ich weiß noch, was ich in dieser Zeit dachte: „Ach, das wäre schön, wenn ich Romeo nach Deutschland einladen könnte. Aber ohne seine Mailadresse ist das nicht möglich.“
Irgendwie, ich kann nicht sagen weshalb, suchte ich gedanklich bereits nach einem Weg, um an Romeos eMailadresse zu gelangen. Denn – angenommen, es würde sich irgendwann die Gelegenheit ihn einzuladen ergeben, wie sollte ich mit ihm Kontakt aufnehmen? Allerdings war mir von vornherein klar, ich darf meine Tochter nicht darum bitten. Und dann hatte ich die Idee und erinnerte mich sehr klar an etwas.

Romeo hatte am Ankunftstag von Julia, im Winter 07/08, noch für ein paar Stunden Unterricht. So bat Julia, Frau A. sie bitte vom Flughafen abzuholen. Und von Julia wusste ich, dass Romeo mit Frau A. zuvor eMailkontakt aufnahm, weil er Julia bei Frau A. abholen musste. Daher schrieb er ihr und ließ sich den Weg, zu ihrer Wohnung beschreiben.
Und so schrieb ich am 8. Januar 2008 Frau A. begeistert von den 5 Gebetsschritten und fragte sie, zaghaft und ohne Begründung nach Romeos eMailadresse.
Etwas überrascht war ich schon, als ich am 9. Januar eine eMail von Frau A. bekam mit Romeos Mailadresse. Eine größere Überraschung war allerdings, dass sie mir den englischen Originaltext von Shoghi Effendi „Die Dynamik von Gebeten, um Probleme zu lösen“ ins Deutsche übersetzte. Wow, das berührte mich sehr! Ich speicherte den Text in einer Datei ab und ging ins Wohnzimmer, um meine morgendliche Andacht zu halten. Plötzlich war mitten in einem Gebet ein Gedanke da, der sich anfühlte als würde mir jemand auf/in den Kopf deutlich sagen: „Lade Romeo nach Deutschland ein!“ Ich schüttelte unbewusst den Kopf, so als ließe sich der Gedanke dadurch wegschütteln – aber, er blieb. Romeo nach Deutschland einladen? Meine Tochter muss zur Schule und hat keine Zeit für ihn! Dass er bis Ende Februar Ferien hat, wusste ich von meiner Tochter, aber ich habe keine Geld und überhaupt … so ein verrückter Gedanken!
„Natürlich verwerfe ich den Gedanken, denn wie soll das geschehen??? Außer dem Liebeskummer, meiner Tochter, spricht nichts dafür, dass ich den Gedanken ernst nehmen sollte!“
Dass dieser Gedanke mich den ganzen Tag begleiten und verfolgen wird, wusste ich natürlich in der Früh noch nicht. Ja, der Gedanke ließ mich nicht los. Immer wieder tauchte er auf und ich fand immer noch nichts, das dafür sprach, diesen Gedanken umzusetzen:
„Ich spreche nicht Englisch! Ich habe kein Geld! Meine Tochter hat Schule! usw.“
Weil aber der Gedanke sehr hartnäckig war, bat ich Gott um ein Zeichen. Das Zeichen zeigte mir: Ich solle den Gedanken verfolgen und ernst nehmen. Ich war durcheinander! Das Zeichen war sehr eindeutig! Dies verwirrte mich.
„Soll ich tatsächlich mit der Umsetzung beginnen?“
Spontan fiel mir seine eMailadresse ein. Ich hatte sie ja. Das erste „Ja“. Irgendwie beruhigte mich das, obwohl ich immer noch nicht bereit war, den Gedanken weiter zu verfolgen, absolut ernst zu nehmen und in die Tat umzusetzen. Ab und zu nahm ich den Gedanken, die Idee einfach nicht ernst genug. Und so verlief der ganze Tag wie eine sanfte Achterbahnfahrt zwischen „vielleicht“, „unmöglich“, „nein!“, „ja“, „ein Versuch wäre es vielleicht wert!“ usw.
Am nächsten Morgen, bei der morgendlichen Andacht, taucht der Gedanke erneut und sehr eindringlich auf: „Lade Romeo nach Deutschland ein!“
Allerdings war es diesmal, als würde mich dieser Satz erschlagen und niederschmettern. Und so saß ich da, wie ein Häufchen Elend, weinte und traute dem Ganzen und mir überhaupt nicht mehr.
„Das kann nichts mit den 5 Schritten zu tun haben, da ich ja keine Not verspüre!“
So versuchte ich mich, unter Tränen, heraus zu reden. Mir ging es nicht gut. Der Satz verursachte nicht nur Unbehaben, nein – mir ging es sehr schlecht. Der erneute Gedanke überrollte mich! Und so saß ich da und heulte jämmerlich wie ein Schlosshund. Irgendwann bat ich Gott erneut um ein absolut, eindeutiges Zeichen. Dummerweise erhielt ich ein sehr, sehr eindeutiges „Ja“-Zeichen. In mir fing es an zu toben.
„Wie kann Gott das wollen ….? Das ist doch ein Wahnsinn!“
Ich fühlte mich wie durch den Fleischwolf gedreht. Brachte nichts auf die Reihe, lief umher wie ein geprügelter Hund, bis ich ca. 2- 3 Stunden später, nachdem ich Boden unter den Füßen verspürte, begann, mal gedanklich zu sortieren: Was müsste ich als erstes Tun, wenn ich den Gedanken ernst nehme? Jedoch war noch kein Gedanke richtig klar. Mir fiel nur ein, dass ich Romeos eMailadresse hatte. Und so suchte ich nach der eMail von Frau A. und fand sie sogleich. Seine Adresse notierte ich mir und legte sie in mein Gebetbuch. Danach war ich fähig, sachlich und nüchtern den nächsten Schritt zu überlegen: Ich muss im Reisebüro nachfragen, ob es möglich ist, von Deutschland aus einen Flug von Asien nach Deutschland zu buchen und natürlich zurück. Also rief ich im Reisebüro an und Herr R., ebenfalls Bahá’i und Inhaber des Reisebüros sagte: „Ja, das ist möglich.“
Und ich dachte mir: „So, jetzt habe ich zwei Mal ein ‚Ja’! Aber – sobald ein ‚Nein’ auftaucht, lasse ich die ganze Sache sausen und beende sie!“
Obwohl dieses Denken eher eine Trotzreaktion war, tat mir das gut, da sich nun ein anderer Gedanke breit machte: „Ich habe absolut nichts zu verlieren!“
Klingt einfach, war aber nicht einfach umzusetzen. Denn nun kam der schwierigste Teil: Geld für die Reise! Sogleich wusste ich, wen ich fragen kann. Ich frage Julias Vater! Und zu meinem Erstaunen sagte er nach knapp 10 min. „Ja“. 1000 Euro würde er für den Flug bezahlen. Der Flug von Julia an Weihnachten kostete knapp 900 Euro, und ich dachte, 1000 Euro sind völlig ausreichend und ich freute mich. Aber, in dem Augenblick wusste ich noch nicht, dass ich mit 1000 Euro sehr, sehr falsch dachte. Nachdem ich die Zusage für das Geld hatte und der Flug von Deutschland aus gebucht werden kann, ließ ich die Sache mal für diesen Tag auf sich beruhen. „Es konnte ja immer noch alles ein Zufall sein.“
Wobei ich mich ‚auch’ davor drücken wollte, mit Romeo, der Englisch sprach, Kontakt aufzunehmen. Das letzte Mal sprach ich vor ca. 30 Jahren Englisch, und das war in der Schule. Mann-o-Mann mir graute davor, Romeo auf Englisch eine Mail zu schreiben. Ich versuchte zu kneifen, indem ich viele Fragen ins Leere stellte: „Was ist, wenn die Mail im Spam-Filter landet? Oder, wenn er mich und mein Englisch üüüberhaupt nicht versteht? Oder, wenn er denkt, Julias Mama ist total durch geknallt! Oder …….“
Ich weiß, im Ausreden suchen und finden bin ich echt gut. Natürlich wollte einen Rückzieher machen. Die ganze Angelegenheit wurde mir einfach zu heiß. In der folgenden Nacht schlief ich nicht besonders gut und wusste nach der morgendlichen Andacht: „Heute MUSS ich Romeo schreiben!“
Ja, ich wusste das! Außerdem gab es kein Zurück mehr! Dazu ging ich schon zu weit. Es war der 11. Januar! Nachdem meine beiden Kinder aus dem Haus waren, wollte ich mal den ganzen Text nur auf Deutsch formulieren. Aaaber – noch wusste ich nicht genau, was ich ihm alles schreiben soll. So nahm ich das Gebetbuch und setzte mich an den PC und schrieb einfach drauf los. Ich fühlte mich nicht besonders gut dabei und drückte ab und zu das Gebetbuch an mein Herz. Ich brauchte einfach Kraft um zu schreiben. Vereinzelt kullerten Tränen die Wangen hinunter. Mein Vorhaben war sehr verrückt! In meinem Augen war es Wahnsinn! Aber ich konnte mich nicht bremsen und schrieb den Text. In Deutsch ging es ja noch mit dem Text, aber sobald ich den Text fertig hatte, MUSSTE ich ihn übersetzen. Davor graute mir! Mit einem online-Translater, einem Wörterbuch von meinem Sohn und einem online-Wörterbuch wurschtelte ich mir irgendwas auf Englisch zusammen. Nach fast drei Stunden hatte ich den englischen Text. Ob ich zufrieden war? Nein, natürlich nicht! Ich wusste ja, da stecken viele Fehler drin, nur wusste ich eben nicht wo! Noch ein verzweifeltes Gebet und ich klicke in meinem eMail-Programm das momentan grauenvollste Wort „senden“. Dann rannte ich förmlich vom PC weg. Am liebsten hätte ich mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu tun gehabt. Doch das ging nicht. Ich steckte ja bereits mehr als mittendrin. An diesem Tag zweifelte ich manchmal weiterhin an meinem Verstand, an meiner Vernunft und an mir selbst. Manchmal war ich ‚fast’ der Überzeugung nahe: „Ich muss wirklich verrückt sein! Was soll Romeo in Deutschland, wenn Julia, sie ist in der 12. Klasse doch so einen vollen Stundenplan hat?“
Romeo ist 17 und spricht seine Muttersprache, und ich spreche meine Muttersprache. Und er spricht noch sehr gut Englisch und ich mit meinem Englisch bin absolut überhaupt nicht kommunikationsfähig. Da machte ich mir nichts vor. Und so hatte ich, ehrlich gesagt, bald keine Ahnung mehr, weshalb er nach Deutschland kommen soll, da Julia für Romeo keine Zeit hat. Aber – die Mail war abgeschickt, und die Hoffnung, dass es mir danach besser geht, erfüllte sich leider nicht.
Am nächsten Tag erhielt ich von Romeo keine Nachricht. Am Nachmittag wurde ich sehr unruhig.
Einen Tag später ist wieder keine eMail, von ihm, in meinem Postfach. Jetzt sind meine Nerven kurz vorm Zerreißen.
„Was soll ich tun?“, schreit es in mir.
Ich schreibe Romeo und frage, ob er die Mail erhalten und mein Englisch verstanden hat! Endlich! Er schreibt zurück! Ja, er hat die Mail erhalten und ist einfach nur über das Angebot sprachlos. Er bittet um Zeit, um mit seinen Eltern zu sprechen. Und dann der Schock, wobei Romeo nicht ahnen konnte, was mich an seiner eMail schockierte. Ich las, dass seine Ferien am 11. Februar enden! Und es ist ja schon der 13. Januar! Und dann bittet er noch um Zeit! „Wie stellt er sich das alles vor?“, hätte ich am liebsten laut los gebrüllt! Natürlich gestand ich ihm, per Mail, die Zeit zu die er benötigt, obwohl mir wirklich ganz anders zumute war. Mir wurde alles zuviel! Ich musste mich ablenken und sah mir die Homepage des Gymnasiums meiner Tochter an. Dabei stieß ich zufällig auf den Ferienplan. WOW! Das kann doch nicht wahr sein! Ich traute meinen Augen nicht! Ich starrte auf den Bildschirm und vergewisserte mich, ob ich auch wirklich das Richtige las! Meine Tochter hat Karnevalsferien! Und die enden am 11. Februar! ELFTER FEBRUAR! Hurra, ich habe einen Reisetermin! Romeo und Julia haben zur selben Zeit Ferien und Schulbeginn! Es war grandios! Das war genial! Ja! Es fühlte sich einfach wunderbar an! Es war für mich ein absolut, eindeutiges „Ja“ zu seinem Besuch in Deutschland. Doch er bat um Zeit und die wurde nun wirklich sehr, sehr knapp. Aber, mir ging es Gott-sei-Dank gut. Dieses „Ja“ holte mich sehr aus dem Wirrwarr meiner Gedanken heraus. Ich zweifelte nicht mehr an meinem Verstand, sondern begann daran zu glauben, dass alles ein gutes Ende finden wird. Durch dieses „Ja“ fühlte ich mich um vieles gestärkt.

Ab und an weinte Julia, weil sie ihren Romeo sehr vermisste und weil eine Freundin ihr immer wieder klar und deutlich zu verstehen gab, dass sie und Romeo keine gemeinsame Zukunft, keine Chance haben werden. Natürlich tröstete ich meine Tochter. Jedoch empfand ich es als schlimm, weil ich ihr noch nichts von dem verrückten Vorhaben erzählen konnte. Wie hätte sie mit der Enttäuschung, falls es nicht klappt, umgehen sollen? Ich wusste es nicht, zumal ich Romeo bat, Julia noch nichts von dem Plan zu erzählen. Es war sehr, sehr schwer für mich. In dieser Nacht lag ich um 1.00 Uhr nachts noch wach im Bett und schrie zu Gott, Er möge Romeo helfen, so dass seine Eltern ihr Einverständnis zu der Reise gaben. Von Romeo wusste ich, wie sehr er sich auf die Reise und das Wiedersehen mit Julia freut. Romeo wünschte sich ja sehr, seine Eltern mögen ihr „ja“ zu der Reise sagen. Wobei ich manchmal selbst nicht mehr an ein „ja“ glaubte, da Romeo irgendwann schrieb, in der Reisezeit ist ein nationaler Feiertag, andem er eigentlich anwesend sein sollte. So schlief ich in dieser Nacht sehr unruhig und sehr kurz.
Um 14.00 Uhr, am übernächsten Tag, es war der 15. Januar erhielt ich immer noch keine eMail von Romeo. Um 16.10 Uhr öffnete ich erneut das virtuelle Postfach und bekam ‚endlich’ eine eMail von ihm. Er schrieb: “i asked my mom and dad, and they said yes . (Meine Eltern sagten “Ja”)“. Gott-sei-Dank! Mit großer Freude sause ich gleich zum Telefon und rufe im Reisebüro an. Herr R. fand einen Direktflug, aber – der kostet 2000 Euro. Und das ging nun üüüberhaupt nicht! Herr R. suchte weiter und fand einen Flug mit Zwischenstopp in Amsterdam für 1500 Euro. Auch das ist zuviel, ich habe ja die Zusage von 1000 Euro und mehr geht einfach nicht! Ich bitte Herrn R. um Bedenkzeit. Ferner bat ich ihn noch, Romeo zu schreiben und ihn über den eventuellen Aufenthalt in Amsterdam zu informieren. Herr R. tat das.
Romeo schrieb mir in einer anderen Mail, wie er sich das Wiedersehen mit Julia vorstellte. Seine Vorstellung wäre: Ich sage Julia überhaupt nichts und fahre mit ihr zum Flughafen und plötzlich steht er da. Das klingt sehr romantisch, gebe ich ja zu, allerdings teilte ich ihm mit, er möge es Julia bald erzählen/schreiben, weil Julia einfach sehr bedrückt ist und die Vorfreude auf das Wiedersehen braucht. Jedoch konnte dies Romeo nicht überzeugen.

Am nächsten Morgen, so gegen 8.00 Uhr öffne ich meinen virtuellen Briefkasten und erhielt eine eMail von Romeo in der er mir von seiner Angst schreibt. Er hat Angst, weil er noch nie außer Landes war. Er hat Angst, weil er in Amsterdam umsteigen muss… Seine eMail endet damit, dass er mir sein Vertrauen versichert. Ich schreibe zurück und versuche ihn, mit meinem krakeligen Englisch zu beruhigen. Danach wusste ich: „Ich werde den Flug für 1.500 € buchen!“
Und dann ist es endlich 9.00 Uhr in der Früh, d. h. ich rufe im Reisebüro an und buche den Flug für 1500 Euro. Wobei ich noch keine Ahnung habe, wie ich 500 Euro auftreiben soll. Dummerweise teilt mir Herr R. mit, dass das ein Angebot war und das verfiel um Mitternacht. Oje! Das darf doch nicht sein! Herr R. suchte und suchte und fand einen Flug, auch mit Zwischenstopp in Amsterdam zum selben Preis von 1500 Euro. Ich buche den Flug! Ja, mir fehlen 500 € und ich buche den Flug! Herrn R. bitte ich erneut, Romeo zu schreiben und ihm genauestens den Flughafen von Amsterdam zu beschreiben, so dass sich Romeo sicher fühlt. Und ich schrieb Romeo, dass der Flug gebucht ist und er schreibt zurück, dass er sich nun sicherer fühlt, weil ihm Herr R. alles genau beschrieb und Mut machte. Uff! Immerhin ist Romeo nun ganz beruhigt, mutig, gelassen und in großer Vorfreude. Wobei ich ihn immer noch nicht überzeugen konnte, Julia über seine Reise zu informieren. Aber, aufgeben wollte ich nicht.
Na ja, und so sitze ich da und weiß noch nicht mal, wie ich den gebuchten Flug bezahlen soll.

Am nächsten Tag, den 17. Januar, öffne ich wieder mein eMailpostfach und erhielt eine Mail von Romeo. Ich sah mir die Absendezeit an und wundere mich, weil er die eMail in der Früh um 6.00 Uhr, nach seiner Zeit, abschickte. Ich frage ihn, weshalb er in den Ferien so früh aufsteht. Er schreibt zurück, dass er auch in den Ferien ab und zu Unterricht hat! Für mich war das ein erneuter Schock! Denn es ist gebucht und ich hatte keine Rücktrittsreiseversicherung abgeschlossen! Ich wusste ja von meiner Tochter, wie streng die in seinem Land sind, was Schule betrifft. Mir wurde fast schwindelig bei der Vorstellung, seinen Lehrern in Asien fällt auf einmal ein, in der Woche vor dem 11. Februar noch ein paar Unterrichtsstunden reinzuschieben! Ich weiß ja, dass er dem Unterricht nicht fernbleiben darf. Und es folgt die Erlösung aus den schauerlichen Gedanken. Romeo schreibt zurück, dass er 100%ig in der Reisewoche KEINEN Unterricht hat! Dies wurde ihm in seiner Schule zugesichert. Gott-sei-Dank erzählte er vielen Leuten und auch Lehrern von seiner Reise. So vermute ich, dass ihm seine Lehrer die 100%ige Zusage gaben. Also, hier war nun wirklich, von meiner Seite aus, ein Dankgebet angebracht. Denn so viele „Jas“ waren ja fast nicht zum Aushalten. Ich denke, zu dem Zeitpunkt dachte ich nicht mehr, ich könnte eventuell verrückt sein. Ich glaube auch, ich zweifelte nicht mehr an meinem Verstand, sondern glaubte vermutlich ziemlich sicher an die Vollendung der 5 Gebetsschritte. Und die Sicherheit, dass Gott dies alles einfädelte, wuchs und wuchs. Und somit auch die Sicherheit, ‚Er’ wird alles zu einem guten Ende führen, und es ist unmöglich, dass sich noch etwas zwischen die Reise stellt.
Etwas später fragte mich Romeo wieviel Geld er für den Aufenthalt benötigt, da er sich noch eine Arbeit suchen muss, weil er kein Geld hat. Der Gedanke, dass er sich noch Arbeit beschaffen muss, gefiel mir überhaupt nicht. Seine Schule ist sehr, sehr anstrengend und fordert alles von den SchülerInnen, und er hat eh so gut wie kaum freie Zeit. Und dann muss er sich noch Arbeit suchen?! Nein! Das kann nicht sein! Das wollte ich ihm nicht zumuten! Und so schreibe ich ihm, dass 20 – 30 Euro ausreichend sind, da er bei mir/uns Essen und schlafen wird, wobei er das bereits wusste. Ich wollte einfach nicht, dass er sich das antun muss. Insgeheim hoffte ich, ihn irgendwie mit meinem Geld mitfinanzieren zu können.
Einige Zeit später schreibt er mir, sein Vater wird ihm 230 Euro mitgeben, dabei fragte er noch ob das ausreichend wäre? Oh, freute ich mich! 230 Euro sind eine sehr große, großzügige, ausreichende Summe. Und Romeo muss das Geld nicht mal zurück bezahlen! Sein Vater schenkt ihm das Geld. Ist das nicht wieder ein wunderbares „Ja“?! Und dann – endlich ist er davon überzeugt Julia von seiner Reise zu erzählen. Er gab mir das Versprechen, ihr am nächsten Tag alles mit-zu-„teilen“. GOTT-SEI-DANK! Ich war sehr erleichtert, denn zweimal hätte ich mich beinahe bei Julia verplappert. Ich wollte sie fragen, ob sie damit einverstanden ist, wenn wir das und dies mit Romeo unternehmen. Vermutlich hat dies Romeo mitüberzeugt. Doch der Tag ist noch nicht zu Ende und hält noch eine Überraschung bereit:
Meine Tochter erhält die Master-Card-Abrechnung. Ihr Vater gestand ihr, im Winter, für ihre Reise nach Asien 1300 Euro Taschengeld zu (für Essen, Hotel, Bus …). Und meine Tochter gab 800 Euro aus. Somit hat ihr Vater ein Mehrguthaben von genau 500 Euro. Den Gedanken, der darauf folgt, traue ich mich fast nicht zu denken. Ich fühle mich durch diese Nachricht einfach hoffnungsvoll und auch nervös.

Am 18. Januar rufe ich ihren Vater an und teile ihm die Summen mit. Und nun der Hammer! Er gibt, ohne das ich ihn darum bat, die 500 Euro für das Ticket! Kurz zuvor nannte ich ihm zum ersten Mal den Betrag des Tickets. Juhuuuuuu! Ich hatte gebucht, ohne zu wissen, woher ich die 500 Euro erhalte und nun bezahlt er alles, weil Julia 500 Euro weniger ausgab. Ist das nicht unglaublich!? Es war ein wirklich verrücktes „Ja“!
Und dann war es 12.35 Uhr. Ich hole Julia von der Schule ab. Wie üblich geht sie nach dem Essen an den PC und trifft ihren Romeo. Ich jedoch fahre meinen Sohn in die nächste Kleinstadt zum Bahnhof und bin so gegen 13.40 Uhr wieder im Haus. Irritiert, mit einem sehr großen Fragezeichen im Gesicht, kommt Julia in die Küche weil sie nicht versteht, weshalb Romeo um meine Anwesenheit bat. Meine Freude muss ich noch für mich behalten, aber innerlich lächle ich bis zu den Ohren. Ich setze mich neben Julia an den PC und winke Romeo über die webcam zu. Er winkt zurück und schreibt. Julia liest den Text. Ihre Augen werden groß! Sie sieht fragend, erstaunt … zu mir. Fassungslos fragt sie: „Stimmt das? Kommt er nach Deutschland?“ Ich nicke nur und Julia fällt mir freudig, sprachlos um den Hals, löst die Umarmung und schreit vor lauter Freude. Nach einer kurzen Zeit, stehe ich auf und lasse die Beiden alleine.
Am Abend erzählt mir Julia wie sehr ihr Romeo das Landleben liebt. Romeo wohnt in einer sehr großen Stadt und freut sich auf Natur pur bei uns. Und da fällt mir ein kleiner Stein vom Herzen, da ich mir seit ein paar Tagen Gedanken machte, ob es ihm bei uns in der Natur pur überhaupt gefällt. Dies war ein kleines, sanftes „Ja“ das ich wiederum hörte.

Mann-o-Mann, war das eine aufregende Zeit! So etwas erlebte ich zuvor noch nie! Und seit Julia von Romeos Reise weiß, kann ich aufatmen. Nun besprachen, planten … wir gemeinsam. Für mich war dies eine große Erleichterung. Und so nach und nach hatte ich nun Zeit, die Geschehnisse zu realisieren. Es gab kein einziges „Nein“! Denn, mit dem ersten „Nein“ hätte ich sofort aufgehört. Ich glaube auch, mich daran erinnern zu können, dass ich mit niemanden bis zum 15. Januar über diese, doch unglaubliche Geschichte sprach. Ich hatte einfach manchmal Angst davor, nicht ernst genommen zu werden. Im nachhinein fühlte ich mich sehr, sehr überrumpelt – mit Allem! Aber – hätte ich nicht weiter gemacht, so würde Romeo nicht am 31. Januar in Deutschland landen. Und die Ankunftszeit hat es auch noch in sich. Nachdem Julia Bescheid wusste, fiel mir erst auf, wie günstig seine Ankunftszeit in Deutschland war. Julia kommt am Donnerstag, 31. Januar erst um 17.35 Uhr von der Schule nach Hause. Romeos Flieger landet um 22.20 Uhr. Zum Flughafen benötige ich knapp 2 ½ Stunden Fahrzeit. Und so kann Julia noch etwas essen, sich hübsch machen und dabei sein um ihren Romeo abzuholen. Das wurde mir erst richtig bewusst, nachdem ich Zeit für mich hatte. Na ja, und so sind wir am Flughafen und warten auf seinen Flug, der leider wetterbedingt Verspätung hat. Die letzten Minuten vor der Landung gehe ich aus Julias Sichtbereich. Natürlich war mich auch klar, dass Julia ihren Romeo alleine begrüßen wollte. Und so setzte ich mich weit entfernt auf einen Stuhl und betete. Ja, ich betete, weil ich innerlich ein kleiner Angsthase war, alle „Jas“ vergaß und mir einfach Fragen im Kopf rumschwirrten: „Hat Romeo in Amsterdam alles gemeistert? Sitzt er wirklich im Flugzeug oder irrt er im Amsterdamer Flughafen umher?“
Verrückte Fragen, aaaber – sie waren da! Immer wieder drehte ich mich nach links, doch sie kamen nicht. Eine Menschentraube ging an mir vorbei und ich wusste, das waren die Passagiere aus Amsterdam, aber keine Julia und kein Romeo waren dabei. Vereinzelt noch ein paar Passagiere etwas später, aber immer noch nicht meine Tochter und Romeo. Und dann – endlich!, sah ich beide und schrie gen Himmel: GOTT-SEI-DANK!
Nervös und sprachlos brachte ich, bei der Begrüßung kein Wort heraus. Ich war einfach nur noch froh die beiden zu sehen. In der Nacht, um ca. 3.00 Uhr fuhr ich meinen Wagen in die Garage, mit dem Gedanken: „Ja, er ist wirklich da!“

Dabei waren es doch nur 5 Schritte von Asien bis nach Deutschland ☺.

Die Zeit mit den Beiden wurde zu einer sehr schönen Zeit und auch zu einer großen Bereicherung für mich und meine Kinder (mein Sohn ist zwei Jahre älter als Julia). Aber, wie es im Leben nun mal so ist, muss der Abschied kommen und Romeo fliegt in sein Land zurück.
Nachdem er ein paar Tage zu Hause ist, schreibe ich ihm dies und das und er schreibt unsicher zurück, weil er drauf und dran ist, seine Hoffnung für eine Beziehung zu verlieren. Ich denke kurz an die 5 Schritte und an die wundersame Erfüllung. Das gab mir sehr viel Kraft und diese hoffnungsvolle Kraft versuchte ich ihm zu vermitteln. Denn – Gott holte ihn nach Deutschland zu Julia und ich war felsenfest davon überzeugt: Gott möchte diese Liebesbeziehung. Und, ohne dass ich von Gott sprach (er ist Atheist), glaubte er mir und sagte nun absolut sicher und verantwortungsbewusst, am 14. Februar, „Ja“ zu der Liebesbeziehung mit Julia.

Und ich? – Ich verstehe manchmal nicht, weshalb ich immer wieder ein Angsthase und immer wieder sehr unsicher und ungläubig war.
Heute weiß ich, die Not um die 5 Schritte zu gehen, war nicht meine Not – es war die Not die meine Tochter verspürte. Ich war nur das Ventil …
Wer weiß – vielleicht war ich das Ventil, weil ich Bahá’i bin und Gott in der neuen Offenbarung erkenne?

Romeo habe ich es zu verdanken, dass mein Englisch viel besser wurde. Nun möchte ich gerne diese Sprache erlernen, weil sie Brücken zu anderen Menschen baut.

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