Print This Post  Standhaftigkeit in einer schwankenden Zeit — die 2. Bahai Studienkonferenz und ihre Folgen

15. November 2007 | Beitrag eingestellt von Sabrina | Bisher 3,128 Aufrufe

“Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, der vermehrt das Übel.”

Dieses Goethe-Zitat ist mir als eines der vielen Dinge, die am letzten Wochenende gesagt wurden, besonders im Kopf hängen geblieben. Schwankend ist diese Zeit allemal. Nur: schwanken wir mit?

P1000268Die 230 GBS-Mitglieder, Bahai, Freunde und Interessierte, die sich am 10. November bei schönsten Regenschauern nach Langenhain zur 2. Bahai Studienkonferenz aufgemacht hatten, schwankten mit Sicherheit nur zwischen den Vorträgen mal in den Vorraum, aber nicht mit den Dingen dieser Zeit.

Ich durfte am Vortag mit einigen fleißigen Bienchen aus dem schönen Potsdam nach Langenhain schwan.. äh fahren. In aller Frühe trafen sich diese mit mehreren Hummeln und bildeten das emsige und immer mit einem ansteckenden Lächeln bewaffnete Organisationsteam der diesjährigen GBS-Konferenz.

Nach einer kurzen besinnlichen Andacht eröffnete Dr. Anis Towfigh den Tag, indem er uns auf eine Zeit- und Weltreise “Zum Verhältnis von Religion und Medizin in Geschichte und Gegenwart” mitnahm. Es wurde von der Konflikttheorie zwischen Religion und Wissenschaft berichtet. Den Naturvölkern und ihren Medizinmänner, die in Krankheiten u.a. eine “Strafe” für Fehlverhalten, falsche Gedanken oder Gefühle und die Wirkung durch Geister sahen. Die zeitlich darauffolgenden Ägypter und Mesopotamier erklärten Krankheiten mit einer Disharmonie zwischen Geist und göttlicher Macht und suchten sie u.a. durch Opfergaben zu heilen. Der strafende Gott war auch für die Juden und Christen noch eine Erklärung für Gebrechen. Abdul-Bahá sagt uns dagegen, dass Krankheiten “zufällig, zwangsläufig und gewollt” sein können und wir die besten und fähigsten Ärzte aufsuchen müssen. Letztere sollten natürlich keinen Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft sehen, sondern sie miteinander verbinden, um eine optimale Heilung zu erreichen.

P1000286Nach der Mittagspause ging es direkt weiter mit Dr. Udo Schaefer, der uns sein neues Buch “Bahai Ethics in Light of the Scripture, Vol.1″ nahe brachte. In diesem geht es neben der Erkenntnistheorie (Was kann ich wissen?) und dem Menschenbild (Was ist der Mensch?) vor allem um die Ethik in Philosophie und Theologie. Was lange währt, wird gut, besonders wenn Dr. Udo Schaefer darauf steht. Viele große Namen hat er für sein Buch “gewinnen” können: Thomas von Aquin, Kant, Aristoteles, Nietsche, Goethe und sie darüberhinaus alle in Zusammenhang zueinander gebracht. Es gibt einen Rundumschlag über Themen wie Asketismus & Hedonismus, Vernunft & Herz, die das Gewissen bilden, den steilen Pfad der Tugend, der auch mit Humor, Heiterkeit und Freude verbunden ist, das Verhältnis zu Gott, seinen Mitmenschen und sich selbst gegenüber und und und. Es sollte für jeden etwas dabei sein. Aber das war noch nicht alles, denn der zweite Band ist bereits in Arbeit und hoffentlich berichtet Herr Schaefer über den nächsten Band ebenso humorvoll, voller Stolz und mit viel Herzlichkeit, wie bei diesem. Ich wünsche ihm, dass es wieder ein Hardcover wird, das nicht so leicht zuschnappt, wie das Taschenbuch und mindestens wieder 4.000 Fußnoten enthält.

P1000291Nach einer kurzen Teepause empfingen wir Sasha Dehghani, der uns über die Gestalt “Tahirih in Geschichte und Literatur” viel mehr zu berichten hatte, als ihm Zeit gegeben wurde. Die Geschichtsreise ging in Russland mit Salomé, Rilke und Andreas los, die Tolstoi besuchten. Letztere hatte nur Augen und Ohren für Prof. Andreas, der das Buch “Die Babis in Persien” veröffentlicht hatte. Wir erfuhren, dass das Leben von Lou Andreas-Salomé häufig mit dem von Tahirih verglichen wurde. Sasha berichtete uns außerdem kurz etwas zu Dantes “Göttlicher Komödie” und illustrierte alles mit vielen Bildern. Das Leben von Tahirih in einer männerdominierten Zeit und das Ablegen ihres Schleiers bis hin zu ihrem Märtyrertod wurde bereits 1903 in St. Petersburg in dem Stück “Tahere in History” aufgeführt, was den abermaligen Bezug nach Russland herstellte. Am Ende des Vortrags wurde ein Gedicht von ihr auf Persisch und auf Englisch in einer atemraubenden Art und Weise vorgetragen. Jeder im Raum konnte die Kraft der Worte spüren.

In der anschließenden Teepause konnte kurz darüber philosophiert und diskutiert werden, bevor der längste und wohl am erinnerungswürdigste Vortrag des Tages bevorstand. P1000295Der bereits herbeigesehnte und würdig empfangene Alí Nakhjavání folgte mit einem Vortrag zu “Shoghi Effendi: Inaugurator of the Formative Age”. Zunächst erläuterte er in einem schönen Bild den Unterschied zwischen dem heroischen, dem gestaltenden und dem goldenen Zeitalter. Das heroische Zeitalter kann als ein Samen, das gestaltende als das Aufblühen dieses Samens und das goldene Zeitalter als die Zeit gesehen werden, in der die Pflanze ihre Früchte abgibt. Shoghi Effendi kündigte an, dass es immer eine Zeit von Einheit und Unterschieden sein wird. So hat es immer Menschen gegeben, die sich selbst als die Manifestation bezeichneten. Alles nur, so Herr Nakhjavání, um die Bahai auf die Probe zu stellen. Nach dem Ableben von Bahaullah und ‘Abdul-Baha gab es ebenfalls Verwirrung, wer mit “chosen branch” gemeint ist. Dies und noch viel mehr berichtete Herr Nakhjavání mit einer Leichtigkeit und einer Motivation, die sich in seiner ganzen Körpersprache ablesen ließ. Eigentlich hätte er laut seines Arztes nach der Hälfte des Vortrages eine Pause machen sollen, aber er ist so in seinem Vortrag aufgegangen, dass er keine Hinweise auf die Zeit wahrnahm und nach ca. 70 Minuten nach der Zeit fragte. Wenn man ihn so reden hörte, wünschte man sich, dass er nie aufhören würde. Seine humorvollen Zwischenfragen, ob noch alle dabei sind und jetzt unbedingt aufpassen müssten, auch wenn sie vorher geschlafen hätten, waren soweit ich sehen konnte nicht notwendig. Jedes Ohr war allein auf den Klang seiner Worte ausgerichtet. Jedes Wort wurde eingesogen und abgespeichert. Jeder Gedanke war allein auf das gerichtet, was er mitzuteilen hatte. Er tat dies mit soviel Charme und Herzlichkeit, die sich nicht beschreiben lässt.

P1000312Der Tag wurde mit einer wunderschönen Andacht im Haus der Andacht abgeschlossen, bei der die Stimmen der Vorleser und des Bahai-Chores den Kindern und Jugendlich im Iran gewidmet wurden.

Ein langer wunderschöner Tag ging zu Ende und die Bienen und Hummeln konnten etwas zur Ruhe kommen, da sie ihre Arbeit zur absoluten Zufriedenheit aller erledigt hatten. Die Konferenz hat mit Sicherheit viele Herzen berührt und noch mehr zum Nachdenken angeregt. Zum Nachdenken über Heilung des Körpers und Geistes, ethische Grundsätze und Vorbildfunktionen in der heutigen schwankenden Zeit. In diesem Sinne möchte ich mit einem Zitat von ‘Abdul-Bahá aus “Briefe und Botschaften” schließen:

“Heute ist der Tag der Standhaftigkeit und der Treue. Selig sind, die fest und unerschütterlich bleiben wie der Fels, die dem Sturm und Druck dieser aufwühlenden Stunde mutig entgegentreten.”

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