Print This Post  »In der neuen Heimat fehlt nur der Spargel«

26. Juni 2007 | Beitrag eingestellt von Emanuel | Bisher 2,179 Aufrufe

Fränkische Nachrichten, Ausgabe Bad Mergentheim 20Die Fränkischen Nachrichten berichten heute über unsere liebe Freundin Doris Katzenstein, einer Bahai, die von Bad Mergentheim (ja genau, da wo neulich der Gedenkstein zum Besuch Abdul-Bahas wieder eingeweiht wurde, siehe »Bad Mergentheim: Gedenkstein zu Ehren Abdul-Bahas gesetzt«) aus nach Litauen ausgewandert ist. Wer also wissen möchte, wie’s ihr geht, dem sei dieser Artikel anempfohlen!

In der neuen Heimat fehlt nur der Spargel
Die ehemalige Bad Mergentheimerin Doris Katzenstein ist nach Litauen ausgewandert

Von unserem Mitarbeiter Peter D. Wagner

Bad Mergentheim. Was bewegt einen Menschen dazu, von Deutschland nach Litauen auszuwandern? Auf den ersten Blick erscheint der Umstand des Auswanderns wenig ungewöhnlich. Es gibt relativ viele Deutsche, die aus verschiedenen Motiven heraus ihr Land verlassen. Verwunderlich erscheint eher das Ziel: Nur für wenige Bundesbürger dürfte der baltische Staat Ziel ihrer Auswanderungspläne sein, auch wenn er seit 2004 EU-Mitglied ist. Noch ungewöhnlicher erscheint dieser Umstand, wenn jemand erst nach Eintritt in den Ruhestand nach Litauen emigriert. Die ehemalige (Wahl-)Bad Mergentheimerin Doris Katzenstein hat diesen abenteuerlichen Schritt vor etwa zweieinhalb Jahren gewagt. Im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Bis zu ihrem Wegzug nach Nordost-Europa im Winter 2005 lebte Doris Katzenstein fast ein Vierteljahrhundert lang in der Kurstadt. Sie war aktiv und engagierte sich: Sie arbeitete bei Völkerverständigungsfesten mit, bei städtischen Kinderfesten und sonstigen öffentlichen Aktivitäten, war Vortragsreferentin bei der Volkshochschule Bad Mergentheim sowie Mitglied und Unterstützerin vieler Aktivitäten der Bahai-Gemeinde Bad Mergentheim. Im Berufsleben hat Doris Katzenstein ebenfalls zu vielen Menschen Kontakt gehabt, die letzten Jahre vor ihrem Ruhestand arbeitete sie im Deutschordensmuseum.

Die Neugierde, immer wieder neue Orte kennen zu lernen, entspricht dem Naturell der gebürtigen Hamburgerin: Vor ihrem Umzug in die Kurstadt waren unter anderem Ulm, Rumänien und Namibia Stationen ihres Lebens.

Das Interesse am Baltikum wurde bei Doris Katzenstein schon vor gut 50 Jahren geweckt. Damals hörte sie in einer Hamburger Bücherei von der dortigen Bibliothekarin Geschichten aus dem Baltikum. Sie fasste den Beschluss, irgendwann einmal dorthin zu reisen, was sie später auch umsetzte. Doris Katzenstein bereiste Litauen, ahnte dabei freilich noch bei weitem nicht, dass dieses Land eines Tages ihre Heimat werden würde. “Das war die Saat, die jetzt aufgegangen ist”, sagt sie schmunzelnd. “Inzwischen fühle ich mich hier wirklich wohl und bin zuhause”. Das einzige, was sie in ihrer neuen Heimat vermisse, fügt sie lachend hinzu, seien Spargel und Marzipan.

Ihr jetziges Zuhause ist die Stadt Palanga, das etwa so groß ist wie Bad Mergentheim. Palanga liegt 25 Kilometer nördlich der Bezirkshauptstadt Klaipeda, dem ehemaligen Memel und etwa 300 Kilometer nordwestlich der Landeshauptstadt Vilnius. Palanga ist vor allem im Sommer einer der bedeutendsten Fremdenverkehrszentren Litauens, da es direkt an der offenen Ostseeküste liegt. Vom Wohnzimmer ihres kleinen Appartements aus kann Doris Katzenstein die etwa einen Kilometer entfernte Ostsee hören.

Die Emigration nach Litauen war für sie im Grunde wie ein Sprung ins kalte Wasser, der jedoch gut verlief, mit Ausnahme der Wohnungssuche, die sich äußerst schwierig gestaltete. Zwar hatte Doris Katzenstein vor ihrer Übersiedlung das Land noch einmal bereist, kannte dort jedoch weder Menschen noch die Landessprache. Beides habe sich in der Zwischenzeit jedoch geändert. Von den Menschen sei sie gut aufgenommen worden und habe inzwischen viele Kontakte, wie die Seniorin berichtet. Viele Menschen seien zunächst neugierig und verwundert gewesen, dass jemand aus Deutschland nach Litauen zieht, obwohl der Trend im Lande in Richtung Westen gehe. Auch ihre Kenntnisse der litauischen Sprache, die sie als sehr schwierig empfindet, würden zunehmend besser. “Bis jetzt habe ich alle offiziellen Behördengänge, Einkäufe und alles, was sonst zu erledigen ist, gut geschafft”, berichtet sie stolz.

Doris Katzenstein hat den Sprung in die nordosteuropäische Fremde nach eigenen Angaben niemals bereut. “Ich war so lange und so gern in Bad Mergentheim, aber wenn eine Entscheidung gefallen ist, konzentriere ich mich ganz auf die Gegenwart und Zukunft”, resümiert sie.

Als ein Hauptmotiv für ihre Umsiedelung nach Litauen nennt Doris Katzenstein ihre Weltoffenheit, immer wieder neue Menschen und Kulturen kennen lernen und vor allem sich selbst einzubringen und engagieren zu wollen. In ihrer neuen Heimat ist sie ebenso agil wie sie die Mitmenschen in Bad Mergentheim kennen gelernt haben. “Da es auch in Litauen Mitglieder der Bahai-Religion gibt und mein jahrelanger Wunsch darin bestand, ins Baltikum zu gehen, war es klar, dass das Eingewöhnen mit Menschen gleicher Interessen leichter sein würde”, sagt Katzenstein. Deshalb gelte der Unterstützung von Aktivitäten der dortigen, noch sehr kleinen Bahai-Gemeinde ein besonders Augenmerk.

Doch Doris Katzenstein engagiert sich für weitere lokale Initiativen. Zurzeit hilft sie im Simon-Dach-Haus in Klaipeda, dem Sitz des Vereins der in Litauen ansässigen Deutschstämmigen, eine Bibliothek einzurichten. In der verbleibenden Zeit arbeitet sie viel am Schreibtisch, nimmt sich Zeit zum Lesen und erkundet mit ihrem Fahrrad die Umgebung.

In Hinblick ihrer Reiseaktivitäten ist Frau Katzenstein ebenfalls umtriebig geblieben: Im Frühjahr war sie in Haifa und Akka, wo sie unter anderem das Weltzentrum der Bahai-Religion sowie das Grab Bahaullahs, dem Stifter der Religion, und den Schrein von dessen Sohn Abdu’l Baha besucht hat.

Mit ihrem Neuanfang und Engagement im Osten hofft Frau Katzenstein, einen Beitrag dazu leisten zu können, Vorurteile abzubauen. “Am leichtesten fiel mir, Land und Leute zu akzeptieren wie sie sind, und genau so werde ich akzeptiert”, schildert sie ihre Erfahrung. Sowohl für ihre frühere als auch neue Heimat wünscht sie sich, dass weniger Nüchternheit und Materialismus die Menschen prägt, sondern ein wenig mehr das beachtet wird, was den Menschen als geistiges Wesen ausmacht.

Auch wenn Doris Katzenstein noch Kontakte zu Menschen in ihrer alten Heimat pflegt und auch wenige Male zu Besuch war, kann sie sich momentan nicht vorstellen, wieder zurückzukehren oder noch einmal an einen anderen Ort überzusiedeln. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Vielgereiste in ihrer neuen Heimat wirklich angekommen ist.

© Fränkische Nachrichten – 26.06.2007

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