»Lebendig und kräftig und schärfer«
11. Juni 2007 | Beitrag eingestellt von Nicola | Bisher 2,531 Aufrufe
Die Bahai auf dem 31. Evangelischen Kirchentag in Köln
Bereits das über 500 Seiten starke Programm war verheissungsvoll: Neben Gottesdiensten, Gebeten und Bibelarbeiten umfaßte es Vorträge, Podien, Arbeitsgruppen und Diskussionen zu drei großen Themenbereichen: dem Menschen, der Gemeinschaft, der Welt. Auch Musik, Kunst und Kultur sowie Events unter freiem Himmel kamen nicht zu kurz. Ein Markt der Möglichkeiten, bei dem man sich über unzählige kirchliche und karitative Institutionen, sowie Projekte und Initiativgruppen informieren konnte, und ein reichhaltiges Angebot zur Begegnung, Beratung und Hilfe rundeten das Programm ab. So war sicher an jedem Tag für jede Person ein passendes Angebot dabei — leider auch oft mehrere interessante Veranstaltungen parallel, so dass die Qual der Wahl groß war!
Sowohl Kölns Innenstadt als auch das Messegelände sprühte vor Leben: Menschen aller Altersgruppen wanderten von einem Veranstaltungsort zum anderen, suchten Austausch und Begegnung, diskutierten, saßen bei Erfrischungen in Kantinen, Gaststätten und Cafés oder auf Treppen und Mäuerchen rund um die Domplatte oder unten am Rhein. Kleine und größere Demonstrationszüge stellten Forderungen an die G8-Staaten oder suchten für andere Themen Öffentlichkeit. Es herrschte eine Atmosphäre, die man am ehesten mit »fokusiert bis ausgelassen, interessiert und wohlwollend« beschreiben könnte.
Eines der Hauptanliegen des 31. Kirchtages war der Dialog — so auch der Dialog unter den christlichen Konfessionen und unter den Religionen. Dieser durchzog das Programm wie ein roter Faden und wurde in der Medienberichterstattung vom Kirchentag auch oft an erster Stelle genannt.
Eine Veranstaltung, die im Gürzenich in der Kölner Altstadt Vertreter verschiedener Religionen und ca. 130 Menschen zusammenführte, stand unter dem Motto des Kirchentags, das dem Hebräerbrief 4,12 entnommen ist:
»Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.«
In kurzen und prägnanten Beiträgen äußerten sich Vertreter großer Religionen dazu, was ihnen dieses Bibelwort in ihrer eigenen religiösen Tradition bedeutet und welche Perspektiven sich daraus für den Dialog der Religionen ergeben. Die Moderation hatte Dr. Franz Brendle (Vorsitzender von »Religions for Peace«/Deutschland) inne, die Mitwirkenden auf dem Podium waren Dr. Paul Köppler (Buddhismus), Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke (Römisch-Katholische Kirche), Bekir Alboga (Islam), Bischof Dr. Anba Damian (Orthodoxe Kirche), Dr. Nicola Towfigh (Bahai) und Bischöfin Maria Jepsen (Evangelische Kirche). Das Judentum war leider nicht vertreten, da Frau Prof. Dr. Eveline Goodman-Thau aus Jerusalem aus persönlichen Gründen kurzfristig verhindert war.
Das Akkordeon-Duo Ruslan und Elena Krachovskaja (St. Petersburg/Dresden) trug Stücke von Bach, Vivaldi, Arhangelskj, Frank und Savadskij vor und ermöglichte dem Publikum, sich zu wohltuenden Klängen das zuvor Gehörte durch den Kopf gehen und die Gedanken schweifen zu lassen. Die Veranstaltung war eine der Oasen der Ruhe im Trubel des Kirchentages. Die Anwesenden lauschten aufmerksam und interessiert.
In einem zweiten Teil verlasen die Mitwirkenden Gebete bzw. Texte aus den Religionen, die sie selbst ausgewählt hatten, und die auch in Programmheften mitgelesen werden konnten.
Die Redebeiträge und die Lesungen schufen ein vielseitiges, harmonisches Ganzes — ähnlich dem von den Mitwirkenden aus einzelnen Blumen zusammengetragenen bunten Strauß. Den besonderen Reiz des Straußes machte aus, dass in ihm Blumen verschiedener Farben, Formen und Düfte vielfältig, aber friedlich und ohne Konkurrenzkampf oder Überlegenheitsdünkel zusammenwirkten. Nachdem die Symbolkraft angekommen war, wurde er den Musikern zum Dank überreicht.
Anmerkung der Redaktion: Die evangelische Nachrichtenagentur »idea« hat über diese Veranstaltung berichtet — und wie uns zugetragen wurde sehr zutreffend. Wir wollen unseren Lesern den Bericht nicht vorenthalten:
Evangelischer Kirchentag / 8.06.07
Weltreligionen beten auf dem Kirchentag
K ö l n (idea) – Vertreter der Weltreligionen haben auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag aus ihren heiligen Schriften gelesen und gebetet. Bei der Veranstaltung am 7. Juni wirkten Vertreter des Islam, des Buddhismus, der Baha’i, der beiden großen Kirchen in Deutschland und der koptisch-orthodoxen Kirche mit. Eine Rabbinerin musste aus privaten Gründen ihre Teilnahme absagen.
Die Vertreter der Religionen stellten ihre Sicht des Kirchentag-Leitwortes „Lebendig, kräftig und schärfer“ dar. Der Meditationslehrer Paul Köppler von der Deutschen Buddhistischen Union sagte, „lebendig“ bedeute für Buddhisten, achtsam und bewusst zu sein. „Kräftig“ heiße, sich mit ganzem Herzen für die Verwirklichung der buddhistischen Lehre einzusetzen. Sie sei ein „ein Weg zur Erlösung über die Erkenntnis“. Der Beauftragte für den interreligiösen Dialog der „Türkisch-islamischen Anstalt für Religion“ (DITIB), Bekir Alboga (Köln), sagte, das Lesen des Wortes Gottes im Koran mache das Herz der Muslime lebendig. Dies gelte auch für das fünfmalige Beten am Tag. Das Gebet sei eine „spirituelle Himmelfahrt zur Gegenwart Gottes“.
Gottes Wort in unterschiedlichen Religionen
Nicola Towfigh (Münster) vom Nationalen Geistigen Rat der Baha’i rief dazu auf, gemeinsam das Wort Gottes als Quelle der Liebe, der Einheit und der Kraft nutzbar zu machen. Gottes Wort verbinde, auch wenn es in unterschiedlichen Religionen zum Ausdruck komme. Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen nannte Spannungen im interreligiösen Dialog „so normal wie nur was“, wenn sie konstruktiv blieben. Es komme darauf an, über das Wort Gottes ins Gespräch zu kommen und nicht nebeneinander her zu leben. Der katholische Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, forderte Christen dazu auf, bei den eigenen Worten Maß zu nehmen an dem, was Jesus Christus sage und zeige. Der koptisch-orthodoxe Bischof Anba Damian (Höxter) sagte, die Liebe im Wort Gottes sei ein Fundament für den jeden Dialog. Vorbereitet wurde das Treffen von der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden (Stuttgart).











