Print This Post  F.A.Z.-Artikel über aus dem Schiitentum hervorgegangene Richtungen und Religionen

4. Juni 2007 | Beitrag eingestellt von Emanuel | Bisher 2,192 Aufrufe

FAZ-CoverIn der F.A.Z. vom heutigen Tage findet sich ein interessanter Artikel von Wolfgang Günter Lerch zu den aus dem Schiitentum hervorgegangenen Konfessionen und Religionen — sehr interessant (S. 12, das ist die Rückseite des Mantelteil-Buches)! Am Ende finden auch der Bab und Bahaullah Erwähnung. F.A.Z.-Abonnenten können den Beitrag hier direkt abrufen; der Text findet sich aber auch im Folgenden.

Die fruchtbare Konfession
Das Schiitentum hat viele Richtungen, ja sogar Religionen hervorgebracht / Von Wolfgang Günter Lerch

Das Schiitentum im Islam hat sich in der Vergangenheit immer wieder als ein Reservoir für die Entstehung neuer Sekten und Abspaltungen erwiesen. Über die verschiedenen heterodoxen schiitischen Gruppierungen der Siebener-Schiiten (Ismailiten) und andere ist in dieser Zeitung seit einiger Zeit berichtet worden. Doch die Schia war, wie etwa im Falle der Drusen, auch Ausgangspunkt für die Entstehung neuer religiöser Gemeinschaften im Nahen Osten, bisweilen sogar auch außerhalb dieser Region. Insofern gehört der Schiismus zu den interessantesten religionsgeschichtlichen und religionsphänomenologischen Erscheinungen überhaupt.

Mit dem nahöstlichen Drusentum verwandt ist eine kleine, im Schwinden begriffene Religionsgemeinschaft, die bis heute noch manche Rätsel aufgibt und in Teilen Westirans sowie im Norden des Iraks beheimatet ist. Ihre Anhängerschaft dürfte nur noch wenige Zehntausende betragen. Es sind die Ahl-e Haqq, Gläubige, die sich selbst als “Leute der Wahrheit” bezeichnen und in einigen Regionen des iranischen Aserbaidschan und in Luristan in Westpersien, darüber hinaus im nordirakischen Gebiet von Suleimanija und Kirkuk wohnen. Die Ahl-e Haqq glauben an sieben Inkarnationen Gottes, was ihre Herkunft aus dem Siebener-Schiismus wahrscheinlich macht, zumindest ihre Beeinflussung durch ihn. Auch die Ismailiten verehren sieben Imame, lehnen jedoch – anders als die Ahl-e Haqq – die Vorstellung von der Seelenwanderung ab. Diese wiederum scheint diese Religionsgemeinschaft mit den Drusen zu verbinden, ebenso wie manche Formen der Geheimhaltung, die gewiss mit der gefährdeten Situation dieser religiösen Gruppierung zu erklären sind. Eigene heilige Schriften haben die Ahl-e Haqq freilich nicht, ihre Rituale, die der “Seelenreinigung” dienen sollen, und Institutionen stammen aus dem 15. Jahrhundert, als ihr bedeutendster Führer, Sultan Zuhak, in jenen Gebieten, in die sie sich zurückgezogen hatten, wirkte. Wie das Drusentum vermittelt auch die Lehre der Ahl-e Haqq den Eindruck einer Geheimreligion; dies hat es der Forschung immer entsprechend schwergemacht, gründlichere Informationen über die Gemeinden zu erlangen. Schwer zu sagen ist, in welcher Form der jüngste Krieg im Irak mit seinen zerstörerischen Folgen auch diese religiöse Gemeinschaft getroffen hat.

Das seit dem frühen 16. Jahrhundert in Iran endgültig den Ton angebende Schiitentum hat eine reichhaltige mystisch-philosophische Spekulation hervorgebracht. Besonders unter Schah Abbas, dem größten Herrscher der Safawiden-Dynastie, der bis in das erste Viertel des 17. Jahrhunderts regierte, entwickelte sich eine schiitische Bewegung, welche die Traditionen der schiitischen Imame, die griechische Philosophie, wie sie von dem großen persischen Denker Ibn Sina (Avicenna) übermittelt worden war, und den Sufismus, die Mystik, zu einer religiösen Strömung zusammenfasste, die man Irfan nannte: islamische Gnosis. Sie wurde die “Konfession” zahlreicher Intellektueller, die deshalb auch beim traditionell orthodox-zwölferschiitischen Establishment der Mullahs nicht immer wohlgelitten war. Stammvater dieses Zweiges war Scheich Bahai, der in Isfahan wirkte und dort die Grundlage für die sogenannte Schule von Isfahan legte, eine schiitische spekulative Gotteslehre, die nach Ansicht vieler Mullahs dem rationalen Räsonnement zu viel Raum gab. Scheich Bahais größter Schüler, Mullah Sadra aus Schiras, ein Zeitgenosse Descartes’, musste denn auch zwischenzeitlich seine Wirkungsstätte in Isfahan verlassen und außerhalb Zuflucht suchen. Auch er hatte es nicht einfach mit den herrschenden Autoritäten schiitischer Rechtgläubigkeit, was freilich den Siegeszug seiner Richtung in Iran nicht verhinderte. Noch heute knüpfen manche Reformdenker des iranischen Schiitentums an die Schriften Mullah Sadras und seiner Nachfolger an, die ihre Wirkung trotz allen Widerstandes bis in das 19. Jahrhundert hinein entfalten konnten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es in Bahrein am Persischen Golf und im Osten der Arabischen Halbinsel unter den dort ansässigen Schiiten zu einer Erweckungsbewegung, die indirekt ebenfalls mit dem 1623 verstorbenen Scheich Bahai und seiner Schule in Verbindung stand. Ihr Begründer war Scheich Ahmad Ahsa’i, der die Lehren der Theosophen von Isfahan weniger rationalistisch als vielmehr eschatologisch, endzeitlich, interpretierte. Diese “Scheichi-Bewegung” innerhalb des Schiismus erwartete das baldige “Ende der Zeit” und erregte damit auch politische Unruhe, obschon Scheich Ahsa’i selbst offenbar keinerlei politische Ambitionen hatte. Doch nach einer Zeit des religiösen Quietismus, die mit dem Ende der safawidischen Glanzzeit nach dem Tod von Schah Abbas und dem Beginn der Fremdherrschaft eingesetzt hatte, war wieder Bewegung in die schiitische Konfession gekommen, in Iran wie außerhalb.

Es war ein von der Endzeiterwartung der Scheichi-Sekte nicht unbeeinflusster junger Religionsgelehrter namens Mirza Ali Mohammad, der im Jahre 1844 in seiner Heimatstadt Schiras auftrat mit dem Anspruch, nicht mehr und nicht weniger als der Stifter einer neuen Religion zu sein. Angesichts der religiösen Unruhe, die insbesondere im Gebiet von Schiras herrschte, konnte er bald eine Gemeinde von Getreuen um sich scharen. Er bezeichnete sich selbst als “Bab”, das heißt wörtlich “Tor” oder “Pforte” für eine neue Offenbarung.

Der fünfundzwanzig Jahre alte Prediger verknüpfte sein Predigen für “einen, den Gott noch offenbaren wird”, mit gesellschaftspolitischen Forderungen. So warb er dafür, veraltete islamische Traditionen abzuschaffen oder sie der modernen Zeit anzupassen. Insbesondere wollte er, dass auch Mädchen und Frauen Anteil an der Bildung bekommen sollten. Seine Forderungen sowie seine religiösen Ansichten, die im “Bayan”, einer eigenen Schrift, gesammelt wurden, brachten nicht nur viele Mullahs, sondern auch die politischen Autoritäten, den Herrscher eingeschlossen, gegen ihn auf. Der Schöpfer der Babi-Bewegung wurde gefangengesetzt und im Jahre 1850 in Täbris hingerichtet. Aus der Babi-Bewegung schuf Mirza Hussein Ali, genannt “Bahaullah”, eine neue Religion, die heute als Bahá’í-Glaube weltweit etwa fünf Millionen Anhänger zählt. Aus dem Schiismus entstanden, emanzipierte sie sich von ihm und wurde zu einer eigenständigen Religion, die allein in Iran 300 000 Anhänger zählt. Die offene Verfolgung der Bahá’í in den Anfangsjahren der Islamischen Republik Iran ist heute einer schleichenden Diskriminierung und Schikanierung gewichen. Vor allem in islamischen Ländern klagen die Bahá’í immer wieder über Benachteiligung und Demütigung durch Behörden und Regierung. In Iran sind fast alle Stätten, die mit dem Wirken der Babi und Bahá’í zu tun haben, ganz oder teilweise zerstört worden.

Text: F.A.Z., 04.06.2007, Nr. 127 / Seite 12

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