Print This Post  Bad Mergentheim: Gedenkstein zu Ehren Abdul-Bahas gesetzt

10. April 2007 | Beitrag eingestellt von Emanuel | Bisher 3,322 Aufrufe

Gedenkstein in Bad MergentheimAuf den Tag genau 94 Jahre nach dem historischen Besuch Abdul-Bahas in Bad Mergentheim im April 1913 wurde am 7. April im Kurpark unweit der Tauber in Bad Mergentheim ein Gedenkstein enthüllt, der an diesen Besuch erinnert. Einen solchen Gedenkstein gab es — von 1916 bis 1937 — schon einmal, aber er wurde von den Nationalsozialisten zerstört. (Rechts ein Bild von dem noch verhüllten Gedenkstein [gefunden auf bahai.de] — wer ihn in voller Pracht sehen will, muss schon selbst hinfahren ;-) ).

Heute kann man von der Feierlichkeit zur Enthüllung dieses Gedenksteins einen schönen Bericht unter dem freundlichen Titel »Eine beispielhaft tolerante Religion« in den Fränkischen Nachrichten lesen. Und natürlich auch im Folgenden bei uns! Außerdem gibt’s einen lesenswerten Bericht bei OnePlanet (wer hier schaut, kann sich übrigens die Fahrt ins wunderschöne und von Abdul-Baha wegen seines Klimas gelobte Bad Mergentheim sparen — es gibt ein Bild vom enthüllten Stein).

Eine beispielhaft tolerante Religion
Bahá’i-Gemeinde setzte im Kurpark Gedenkstein zu Ehren von Abdu’l Bahá

Von unserem Mitarbeiter Peter D. Wagner

Bad Mergentheim. “Dies ist ein herrlicher Ort, die Atmosphäre hat eine äußerst günstige Wirkung auf Kranke. Die Umgebung ist lieblich und tut dem Auge gut.” So äußerte sich Abdu’l-Bahá bei seinem Besuch in Bad Mergentheim am 7. und 8. April 1913 über dessen Einrichtungen und Umgebung. Exakt zum Jahrestag wurde im Rahmen eines Festaktes durch OB Dr. Lothar Barth und durch die Bahá’i-Gemeinde Bad Mergentheim im Kurpark ein Gedenkstein enthüllt, der an diesen Besuch Abdu’l-Bahás in der Kurstadt erinnert.

Abdu’l-Bahá (geboren am 23. Mai 1844 in Teheran, verstorben am 29. November 1921 in Haifa/Palästina) ist der älteste Sohn von Bahà’u'llah, dem Stifter der Bahá’i-Religion. Nach dem Tod seines Vaters wurde Abdu’l-Bahá testamentarisch als Ausleger der offenbarten Schriften Bahà’u'llahs eingesetzt, ein in der Religionsgeschichte einzigartiges Amt, welches er in tiefer Demut und uneingeschränktem Dienst an Gott und dem Menschen sein Leben lang wahrnahm.

Als Abdu’l-Bahá nach langer Haft und Verbannung die Freiheit erlangte, bereiste er für drei Jahre Ägypten, Amerika und Europa, wo er für einen Monat auch Deutschland besuchte. Dabei führte ihn von Stuttgart aus der Weg nach Bad Mergentheim. Abdu’l-Bahá folgte damit einer Einladung von Kommerzienrat Albert Schwarz, Bankier und Förderer des Kurbades sowie einem der ersten Bahá’i in Deutschland Abdu’l-Bahá war sowohl von der Umgebung als auch von den Kureinrichtungen beeindruckt. Er versammelte Ärzte und Direktoren der Kureinrichtungen, lobte diese für ihre Tätigkeiten, die für die kranken Menschen von sehr großem Wert sei, und ermahnte sie zur äußersten Pflichterfüllung sowie Gewissenhaftigkeit in ihrer großen Verantwortung.

Bei einem Rundgang konnte er das erste Mal seit seiner Verbannung 1853 aus Persien wieder dem Lied einer Nachtigall lauschen. Vor seiner Abreise zurück nach Stuttgart trug sich Abdu’l-Bahá in das Gästebuch des Kurhauses ein: “O Gott, segne dieses Kurhaus und schenke ihm Erfolg” waren eine seiner Worte.

An den Besuch Abdu´l Bahás erinnerte schon ab 1917 im Kurpark ein Gedenkstein. Dieser wurde jedoch 1937 von den Nationalsozialisten aufgrund eines Sondererlasses von Heinrich Himmler konfisziert und vermutlich zerstört. Erhalten geblieben ist lediglich die Gussform, aus der die in dem Stein eingelassene Gedenkplakette gegossen wurde. Mit Hilfe dieser Form konnte vor einigen Jahren eine Replik der Originalplakette erstellt werden, die nun den neuen, von der Stadt Bad Mergentheim gestifteten Gedenkstein ziert.

Zu Beginn des Festaktes vermittelte Sussan Rastani, Stellvertreterin der Bahá’i-Gemeinde Bad Mergentheim, einen Überblick über Inhalte und Aktivitäten der Glaubensgemeinschaft Bahá’í. Die Bahá’í-Religion ist die jüngste unter den Weltreligionen und wurde 1844 von Bahá’u'lláh (1817 bis 1892) gestiftet. Wie bei anderen abrahamitischen Religionen liegt auch der Ursprung der Bahá’í im Nahen bzw. Mittleren Osten. Heute bilden weltweit über fünf Millionen Bahá’í in über 100 000 Orten einen Querschnitt der Menschheit aus mehr als 230 Ländern und Gebieten sowie aus über 2100 Gruppen unterschiedlichster sozialer und kultureller Herkunft.

Die Lehren der Bahá’í umfassen alle Grundfragen menschlicher Existenz. Im Zentrum steht der Gedanke, dass die Menschheit eine Einheit bildet, bei der – eingebettet in eine globale Friedensordnung – die Vielfalt der Menschen, Völker und Kulturen willkommen sind. “Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger”, verkündete Bahá’u'lláh vor über 100 Jahren. Selbständige Suche nach Wahrheit, Gleichstellung von Frau und Mann, soziale Gerechtigkeit, Entscheidungsfindung durch gemeinsame Beratung, Abbau von Vorurteilen und Übereinstimmung von Religion und Wissenschaft gehören zu den Leitprinzipien der Bahá’í-Lehren. Eine der Besonderheiten dieser Weltreligion ist ihre auf dem ganzen Erdkreis einheitlich verfasste, demokratische Rechtsstruktur, die keinen Klerus kennt, und deren Belange von gewählten Körperschaften wahrgenommen werden.

OB Dr. Lothar Barth würdigte die Wichtigkeit dieser Leitmotive. Die Bahá’i-Religion transportiere als moderne Glaubensgemeinschaft global Werte wie Akzeptanz und Toleranz in beispielhafter und zukunftsweisender Form. Mit der Kernfrage, wem wir eine solche Akzeptanz und Toleranz zukommen lassen könnten und wer sie missbrauche, erinnerte Barth an die Gefahr des Missbrauchs von Religionen als Mittel zum Kampf und zur Spaltung von Gesellschaften und Völkern wie zum Beispiel beim Krieg im ehemaligen Jugoslawien.

“Der geistige Hintergrund von Bahá’i ist auch für eine Stadtgesellschaft wie in Bad Mergentheim sehr nützlich”, betonte Barth weiter. Der Gedenkstein könne den Einwohnern und Kurgästen eine Anregung sein, sich selbst zu reflektieren und neu auszurichten. Sowohl der Stein als auch der Standort im Kurpark könnten dafür die nötige Ruhe geben. Abschließend dankte Barth der Bahá’i-Gemeinde Bad Mergentheim für ihr starkes Engagement sowie der Kurparkverwaltung zur Bereitstellung des jetzigen Standortes.

Dr. Bahman Solouki, Mitglied des Nationalen Geistigen Rates der Bahá’i in Deutschland, berichtete über Leben und Geschichte Abdu’l-Bahás. “Wenn wir heute im Zeitalter der Globalisierung einen ‘universellen Menschen’ suchen, der in diesen neuen Verhältnissen lebt, können wir damit beginnen, Abdu’l-Bahá zu studieren, können bei den Lehren verweilen, die seinem Leben Inhalt gaben, können in seinen vielfältigen Schriften nach Lösungsvorschlägen Ausschau halten”, erklärte Dr. Solouki den Festgästen. “Von Abdu’l-Bahá wird gesagt, dass er den mystischen Pfad mit praktischen Füßen gegangen sei – genau das ist es, was wir lernen müssen”, regte er an. Dr. Solouki bedankte sich bei der Stadt Bad Mergentheim und bei der Kurverwaltung für ihre Unterstützung.

Weitere Informationen über die Bahá’i-Gemeinde in Bad Mergentheim sowie über die Bahá’i-Religion sind bei Sussan Rastani, Telefon 0 79 30 / 17 89 oder 01 60 90 29 21 53, E- Mail: sussan.rastani@t-online.de) sowie unter www.bahai.de erhältlich.

© Fränkische Nachrichten – 10.04.2007

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