Print This Post  Bahai in Ägypten weiterhin rechtlos

16. Dezember 2006 | Beitrag eingestellt von Emanuel | Bisher 5,369 Aufrufe

Aegyptische FlaggeTraurige Nachrichten diesmal aus Ägypten: nachdem zwischenzeitlich aufgrund eines Urteils eines Verwaltungsgerichts Hoffnung bestand, dass die Bahai ihre Religionszugehörigkeit in Ausweisdokumenten würden eintragen können, hat heute (16.12.) das oberste Verwaltungsgericht des Landes abschließend gegen ein klagendes Bahai-Ehepaar geurteilt. Das erste Urteil des (unteren) Verwaltungsgerichts hatte eine breite politische und gesellschaftliche Debatte ausgelöst, die in Parlament und Medien insbesondere von fanatischen Muslimen leidenschaftlich geführt wurde. Die Entscheidung bedeutet, dass die Bahai entweder bezüglich ihrer Glaubenszugehörigkeit lügen — eintragungsfähig sind allein drei Religionszugehörigkeiten: jüdisch, christlich, islamisch — oder auf Ausweispapiere verzichten müssen. Der Verzicht auf Ausweispapiere bedeutet wiederum fast völlige Entrechtung: kein Zugang zu Schulen für Bahai-Kinder, keine medizinische Versorgung, kein Eigentumsrecht, kein Bankkonto — oder kurz: keine Bürgerrechte.

Als Jurist frage ich mich ernsthaft: wie kann ein Gericht so Recht sprechen? Wie Diskriminierung und Verfolgung so Vorschub leisten? Wenn man in Deutschland ohne Passbild zur Ausweisstelle im Einwohnermeldeamt kommt, dann kriegt man auch keinen Pass und keinen Personalausweis, ließe sich einwenden. Aber das ist nicht vergleichbar. Denn natürlich kann man auch ohne Ausweis Eigentum erwerben, zur Schule oder Universität gehen, oder im Krankenhaus notversorgt werden. Und außerdem ist das Bild ein Identifikationsmerkmal — aber die Religionszugehörigkeit?! Sie geht den Staat eigentlich an allererster Stelle schon gar nichts an — und wenn er’s wissen möchte, dann muss er alle Antworten akzeptieren, die ihm gegeben werden.

Bleiben weiterhin die auf der Seele brennenden Fragen: Wann dürfen die Bahai auch in den islamischen Ländern — nicht nur im Iran und in Ägypten — endlich als unbescholtene Bürger in Frieden leben? Wann endet diese unglaubliche Diskriminierung? Warum tut niemand etwas? Warum sieht, wie so oft bei Menschenrechtsverletzung die Welt, warum sehen die Machthaber, die sonst so redseligen Politiker unserer »zivilisierten« Länder, warum die bisweilen ob der hiesigen »Menschenrechtsverletzungen« mitleidheischenden Vertreter islamischer Verbände, warum sehen all diese Menschen schweigend zu? Ich bin einfach sprachlos und traurig. Ohne Ägypter zu sein, ohne einen dieser armen Bahai in Ägypten (oder im Iran) zu kennen. Einfach nur, weil es Mit-Menschen sind. Weil auch sie Freiheit, Gerechtigkeit verdient haben.

Und noch ein Satz, den ich hier schon lange loswerden wollte. Ich bin unendlich dankbar und voller Bewunderung für all jene Menschen, die sich leidenschaftlich, engagiert und kompetent für die entrechteten Mitmenschen einsetzen, die ihre Stimme gegen Verfolgungen erheben. Ihnen gehört mein allerhöchster Respekt und meine tief und ehrlich empfundene Dankbarkeit. Es ist verrückt, wie verbunden ich mich solchen Freunden fühle, dafür dass ich sie vergleichsweise wenig intensiv kenne — hier in Münster etwa Kajo Schukalla, der sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker beispielhaft und unermüdlich gegen Menschenrechtsverletzungen aller Art überall in der Welt einsetzt. DANKE!

Weitere Informationen:

Deutschlandradio:

Aus Ägypten erreichen uns keine guten Nachrichten. El Dschasira meldet, ein Gericht habe der Bahai-Religion jeden rechtlichen Status verweigert. Die 2.000 Mitglieder der Gemeinde wollten ihr Recht auf Anerkennung und freie Religionsausübung einklagen. Die Richter aber bezeichneten die Bahai als pro-israelische Abtrünnige.

Offizielle deutsche Bahai-Seite:
http://www.bahai.de/presse/artikel/n-id/86/137/ch/a1e74ab731/

Internationale Bahai-Nachrichten-Seite (englisch):
http://www.bwns.org/story.cfm?storyid=495

2 Reaktionen zu “Bahai in Ägypten weiterhin rechtlos”

  1. OnePlanet

    Bahai-Religion in Ägypten erhält keinen rechtlichen Status…

    Wie die Pressestelle der Bahai-Gemeinde in Deutschland mitteil, hat das ägyptische Oberverwaltungsgericht entschieden, dass Angehörige des Bahá’í-Glaubens in Ägypten das Recht verwehrt wird, durch ihre Ausweispapiere korrekt identi…

  2. Emanuel

    Habe eben noch in einem anderen Blog gestöbert, Povo de Baha (siehe Linkliste). Marco schreibt, dass sein Sohn David dieser Tage krank geworden ist und ins Krankenhaus musste. Und dass er sich dann gefragt hat, was er gemacht hätte, wenn David Kind von Bahai-Eltern in Ägypten wäre. Keine schöne Vorstellung. Wir haben auch einen Sohn.

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