Print This Post  Brief an Mutti

10. Juli 2006 | Beitrag eingestellt von Nicola | Bisher 2,505 Aufrufe

Liebe Mutti,

DillreisHeute morgen beim Aufwachen war mein erster Gedanke: heute ist der 10. Juli, Dein Geburtstag! Die Erinnerung daran hat mir einen Stich versetzt, weil Du schon seit so vielen Jahren nicht mehr unter uns bist und wir Dich nicht mit Kerzen, Blumen und einem guten Essen im Kreis all Deiner Lieben gebührend feiern können. (Ich hätte Dir zu gern Dillreis und Hähnchen gekocht, weil Du das besonders gern mochtest!)

Aber dann überwog doch die Freude, dass Du vor 85 Jahren geboren wurdest und diese Welt durch Deine unverwechselbare Art bereichert hast und weiterhin bereicherst. Denn auch wenn Dein Körper, dessen Kräfte durch die Krankheit völlig aufgezehrt waren, schließlich wieder zum Staub zurückkehren, in seine Bestandteile zerfallen mußte, so lebt und wirkt doch Deine Seele weiter. Sie ist ein Zeichen Gottes, ein Geheimnis, das wir nie werden ergründen können. Aber soviel ist uns in den Heiligen Schriften verheißen: die Seele ist nach ihrer Trennung vom Leib von allen körperlichen Leiden und Gebrechen befreit und befindet sich auf einer ewigen Reise zu ihrem Schöpfer – einem Vogel gleich, der seinen Käfig verlassen hat und sich ungehindert in die höchsten Höhen emporschwingen kann.

Leider haben wir damals viel zu wenig über den Tod und das Leben danach miteinander gesprochen, vielleicht war ich einfach noch zu jung, unsicher, unerfahren. Aber ich weiß, dass wir die grundlegende Überzeugung von einem “Leben nach dem Leben” teilten, und Dir die Bahai-Schriften und die wunderschönen Gebete Trost, Hoffnung und Gewißheit spendeten.

Ich glaube, Du warst gut vorbereitet und hast dem Ende Deines irdischen Lebens zuletzt mit Zuversicht und voller Erwartung entgegengesehen – ganz so, wie ‘Abdu’l-Baha auf die Frage geantwortet hat, wie man dem Tod entgegensehen soll:

“Wie sieht man dem Ende einer Reise entgegen? Mit Hoffnung und Erwartung. So ist es auch mit dem Ende dieser Erdenreise. In der nächsten Welt wird der Mensch sich von vielen Unzulänglichkeiten, unter denen er jetzt leidet, befreit fühlen. Wer durch den Tod gegangen ist, lebt in einer eigenen Sphäre.”

Dieses Zitat hat mich schon immer sehr bewegt; ebenso wie die Aussage, dass die jenseite Welt der dieseitigen nicht entrückt ist, sondern die Seelen der Verstorbenen uns nahe sind und keine wirkliche Trennung besteht.

Wenngleich Du nun von Raum und Zeit unabhängig bist, wünsche ich Dir alles, alles Gute zu Deinem 85. Geburtstag! Ich danke Dir für alles, was Du mir mit auf den Weg gegeben hast, ganz besonders aber für den Samen des Glaubens, den Du in mein Herz gepflanzt hast, und für Deine vorbehaltlose, uneingeschränkte Liebe!

Deine Nico

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