Pilgerreise Januar/Februar 2006
1. Juni 2006 | Beitrag eingestellt von Dominik | Bisher 3,320 Aufrufe
Dieser Bericht wurde schon im Vorfeld für unsere Gemeinde und Freunde verfasst. Er wird in leicht geänderter Form hier wiedergegeben. Dominik
Schon seit einiger Zeit wollten Vera und ich euch von unserer Pilgerreise erzählen. Wenn dies auch kein umfassender Bericht werden soll, so möchten wir euch doch einen kleinen Einblick in unsere Erlebnisse geben. Natürlich ist es klar, dass Erlebnisse dort immer individuell und subjektiv empfunden werden. Deshalb möchten wir doch jedem ans Herz legen, die Pilgerreise selbst zu unternehmen. Wir sind beide sicher, dass sie das Leben jedes Einzelnen doch sichtbar und eingreifend beeinflussen und verändern kann. Es ist auch irgendwie unmöglich, alle Eindrücke wiederzugeben. Auch jetzt noch verarbeiten wir beide die Eindrücke von dort und zehren von den uns dort geschenkten Kräften.
Im Folgenden also einige Eindrücke von der Pilgerreise.
Vera und ich reisten bereits am 24. Januar nach Israel ein, einige Zeit vor unserer Pilgerreise. Wir verbrachten diese Zeit bei Freunden in Netania und gerade ausserhalb des Grossraums Haifa/Akka spürt man als Ausländer die Zerrissenheit, die dieses Land bestimmt und die Konflikte die es beständig austrägt. Die Menschen um einen herum scheinen unter ständigem Stress zu stehen und man fühlt sich alles andere als sicher, wenn man durch die Strassen geht. Wir verbrachten diese Zeit hauptsächlich damit, uns etwas zu erholen und uns ans Klima zu gewöhnen. Am 29. Januar abends fuhren wir dann schliesslich nach Haifa.
Es war schon mitten in der Nacht, etwa gegen 23 Uhr, als wir in Haifa ankamen. Wir kamen mit dem Auto und fuhren am Meer entlang als wir plötzlich rechts von uns die beleuchteten Terrassen und den Schrein des Bab aufleuchten sahen. Das Herz hat wirklich einen Sprung gemacht! Jetzt hatten wir das Gefühl, wir sind endlich da an diesen heiligsten Orten. Einen Moment auf den wir beide schon Jahre, nein, eigentlich ein ganzes Leben lang gewartet hatten. Wir bezogen dann auch ziemlich schnell Quartier und konnten den Morgen kaum erwarten.
Dieser begrüsste uns mit einer strahlenden, lachenden Sonne, als wir uns zu Fuss auf dem Weg zum neuen Pilgerzentrum an der Hazionut Strasse machten. Diese Strasse führt direkt durch die Terrassen und wird von diesen überbrückt. Am Pilgerzentrum angekommen fanden wir bald heraus, dass wir in eine englischsprachige Gruppe eingeteilt waren mit Ursula Grossmann als unserer Gruppenleiterin. Insgesamt kommen jeden zweiten Montag etwa 300 Pilger im Weltzentrum an und werden in ca. acht Gruppen zu ca. 30-40 Freunden aufgeteilt. Sie bleiben etwa zehn Tage und werden während dieser Zeit von Gruppenleitern begleitet. Nach der Registrierung hatten wir etwas Zeit, bevor wir uns um 13 Uhr zur Orientierung und Begrüssung in unserer Gruppe treffen sollten. Wir liefen sofort die Strasse hinauf und wollten zum Schrein des Bab. Leider war dieser noch für die Bahai geschlossen und sollte erst nachmittags geöffnet werden. So gaben wir uns damit zufrieden, erst einmal in den Gärten spazieren zu gehen und uns in der Nähe des Schreins aufzuhalten.
Der Schrein des Bab ist ein überwältigendes Bauwerk, auch wenn man die Bedeutung welcher er für die Bahai hat, nicht unbedingt kennt. Für den pilgernden Bahai stellt er den zweitheiligsten Ort auf der Welt nach dem Schrein Bahaullahs in Bahji dar. Die Erkenntnis dass dort drin wirklich der Bab (und auchAbdul-Baha) begraben liegen, traf uns mit voller Wucht, so dass wir eine geschlagene Stunde damit verbrachten, einfach vor dem Schrein auf den Treppen zu sitzen und uns einfach bewusst zu machen, wo wir eigentlich waren.
Nachdem wir bei der Orientierung einige organisatorische Punkte geklärt und Ursula Grossmann die geistige Bedeutung der Pilgerreise erläutert hatte (jeder Gläubige hat die Pflicht, einmal im Leben zu den Heiligen Stätten zu pilgern), gingen alle Pilger zum Schrein des Bab und Abdul-Bahas, begleitet von zwei Beratern aus dem Internationalen Lehrzentrum (Shahriar Razavi und Joanne Lincoln) wo die Besuchstablets gelesen wurden (besondere Gebete die nur zu den Feiertagen oder an den Schreinen gelesen werden dürfen). Anschliessend hatten alle Gläubigen Zeit für persönliche Gebete an den Heiligen Schwellen und es gab rührende Szenen im Schrein. Man konnte sehen, wie überwältigt viele Freunde waren, hier zu sein. Dies blieb natürlich nicht ohne Tränen. Für uns war es nicht viel anders. Man kommt zum ersten Mal in den Schrein und schleppt alle Sorgen und Nöte mit sich hinein. Überwältigt von der Geistigkeit an diesen Stätten, kann man sein Herz ausschütten und alles loslassen, was einen vielleicht zu sehr beschäftigt hat. Eine wunderbare Gelegenheit, sein Herz zu reinigen und einfach loszulassen. Persönlich konnte ich (Dominik) erst einmal nicht so viel beten. Ich war einfach viel zu überwältigt und wollte erst einmal einfach im Schrein bleiben und mich an diese geistige Umgebung zu gewöhnen. Später dann sollte es einfacher für mich werden in die Schreine zu gehen.
Später am Tag wurden wir dann als Pilger vom Universalen Haus der Gerechtigkeit empfangen. Für uns ein besonderer Augenblick, denn noch nie hatten wir diese höchste Institution persönlich kennenlernen können. Diese neun Menschen, die zusammen eine unfehlbare Körperschaft bilden, waren so demütig und zugleich so erhaben und man fühlte die Authorität, die diese Institution ausstrahlte. Wie rührend war es doch, dass alle Mitglieder einzeln durch die Reihen gingen und jeden Pilger persönlich begrüssten. Dies zeigt so viel über die liebevolle Bindung zwischen dem Gläubigen und dieser Institution. Das Universale Haus der Gerechtigkeit liebt wirklich die Bahai Freunde und hier an Ort und Stelle im Empfangssaal konnten wir nicht anders als diese Institution ebenfalls zu lieben. Ich glaube fest, dass dies die treibende Kraft hinter all unseren Bemühungen im Dienst für den Glauben sein sollte: Die Liebe zum Universalen Haus der Gerechtigkeit, dem Hüter und den Zentralgestalten des Glaubens. Hier konnte ich sie wirklich und wahrhaftig fühlen und sehen. Oft kamen die Mitglieder und wechselten auch einige Worte mit den Pilgern. So sollen wir den Freunden herzliche Grüsse von Hartmut Grossmann bestellen, der schon in Tambach war und es in guter Erinnerung hatte.
Nach dem Empfang hatte jeder Gelegenheit, noch einmal in den Schrein zu gehen, was wir dann auch taten. Beglückt und mit freudigem Herzen beschlossen wir diesen wundervollen ersten Tag.
Der nächste Tag sollte ebenfalls sehr ereignisreich werden, denn wir hatten das Vorrecht, den Geburtstag des Bab zu feiern. Diesen, sowie den Geburstag Bahaullahs am darauffolgenden Tag, feiert man im Heiligen Land nach dem Mondkalender und deshalb wandern diese Feiertage durch das Jahr.
Am Morgen trafen sich die Pilger zur ersten Fahrt nach Bahji. Nach ca. 45 Minuten Fahrzeit erreichten wir die dortigen Gärten und liefen mit unserer Gruppe durch den Harám-i-Aqdas, ein Garten im Viertelkreis der noch eigenhändig von Shoghi Effendi angelegt worden war. Schliesslich erreichten wir das Collins-Gate und sahen etwa 50 Meter weiter den Eingang zum heiligsten Ort der Welt. Ungläubiges Staunen machte sich unter den Freunden breit und in einer Atmosphäre von Respekt und Anerkennung schritten alle über die Schwelle um sich dem König der Könige zu nähern. Es war ähnlich wie beim Bab. Zunächst konnte ich irgendwie nicht beten, sondern war so ergriffen von der Geistigkeit dieses Ortes. Die Erkenntnis, das wir an dem Ort waren, dem sich täglich Millionen von Gläubigen im Gebet zuwenden, überwältigten uns vollends und ich glaube dass dies eine der einschneidensten Erfahrungen der Pilgerreise war. Hier hatten wir etwas Zeit und so konnte ich nach einiger Zeit doch beten. Wir hatten auch noch etwas Zeit um in den wunderbaren Gärten um den Schrein und das Landhaus von Bahji spazieren zu gehen und die wunderbare Natur zu geniessen.
Gegen Mittag fuhren wir zurück nach Haifa um uns in der Halle des Universalen Hauses der Gerechtigkeit zu versammeln. Nach Gebeten und Schriften versammelten sich alle auf den Treppen des Gebäudes und wandten sich dem Schrein des Bab zu. Ein Mitglied des Hauses der Gerechtigkeit verlas das Besuchstablet und anschliessend folgten alle dem Universalen Haus um den Schrein des Bab zu umkreisen. Welch ein wunderbarer Anblick war es, die 300 Pilger und die annähernd 700 Mitarbeiter, also insgesamt fast tausend Freunde zu sehen, die den Geburtstag des Bab feierten. Wir waren einige der ersten die losgingen und als wir den Schrein bereits umkreist hatten, kamen immer noch Freunde die Terrassen zum Schrein des Bab hinunter in einer mannigfaltigen farbigen Vielfalt aller möglichen Trachten und Hautfarben. Wirklich ein Querschnitt des Menschengeschlechts. Selten hatten wir so viele Bahai auf einmal gesehen.
Den Abend verbrachten wir dann mit den russischsprachigen Freunden, die am Weltzentrum dienten. (Meine Frau Vera kommt aus Weissrussland, deshalb der Bezug zu den russischsprachigen Freunden)
Am nächsten Tag fuhren wir beide auf eigene Faust nach Bahji mit einigen Freunden um den Schrein erneut zu besuchen. Ähnlich wie am Vortag waren wir sehr berührt von der geistigen Atmosphäre dort, hatten aber viel mehr Zeit, die wir im Schrein verbringen konnten. Jeder hat wohl seine persönlichen Eindrücke dort und es ist wirklich sehr schwer, das zu beschreiben was im Herzen vor sich geht. Manchmal kann man es anderen Pilgern ansehen, wie es ihnen geht aber man hat immer den Eindruck, dass alle mit viel Liebe und Respekt zur heiligen Schwelle kommen.
Am Nachmittag fuhren wir zurück nach Haifa um den Geburtstag Bahaullahs zu feiern. Ähnlich wie am Vortag versammelten sich alle im Sitz des Universalen Hauses der Gerechtigkeit und nach einem Programm mit Gebeten und Schriften versammelten sich wieder alle auf den Treppen und wandten sich Bahji zu, während das Besuchstablet verlesen wurde. Danach trafen sich die Freunde zum Tee im Pilgerhaus oder zerstreuten sich. Wir wurden dann abends zu einer Bahai Familie aus Moldawien eingeladen, die Vera noch von früher kannte und sie erzählten viel von ihrer Arbeit am Weltzentrum.
Der nächste Tag war der erste lange Tag in unserer Pilgerreise. Wir hatten uns Mittagessen eingepackt, denn es ging mit dem Bus nach Akká, zunächst zur Gefängniszelle von Bahaullah, in der er zwei Jahre verbrachte. Wir sahen mit eigenen Augen die Stelle von der Er den Pilgern aus Persien zuwinkte, die aufgrund der Intrigen der Bündnisbrecher nicht zu Bahaullah kommen konnten. Sie kamen oft zu Fuss von Persien und sahen oft nicht viel mehr als die winkende Hand ihres Geliebten. Unsere Herzen waren natürlich auch sehr bewegt, als wir die Stelle sahen, an der Mirza Mihdí, ein jüngerer Sohn Bahaullahs, durch die Dachluke fiel und tödlich verletzt wurde. Er bat Bahaullah, sein Leben als Opfer dafür zu geben, so dass die Pilger wieder zu Bahaullah kommen konnten. Tatsächlich wurde es nicht lange nach seinem Tod für die Pilger wieder möglich in Bahaullahs Gegenwart zu gelangen. Ich fühlte sehr viel Dankbarkeit für Mirza Mihdí, denn ohne Zweifel hat er wesentlich dazu beigetragen, dass auch heute Pilger aus der ganzen Welt in Strömen die heiligen Stätten besuchen und ihr Haupt an den Schwellen niederlegen.
Als nächstes kamen wir zum Haus von Abbúd, einem Haus dass als nächstes Quartier für Bahaullah und seine Familie in Akká diente. Es ist heute wunderschön hergerichtet und die Dekorationen im Haus wurden von Shoghi Effendi mit organisiert. Wir betraten unter anderem auch den Raum den Bahaullah bewohnte und sahen seinen Fez dort und einige der Einrichtungsgegenstände. Dann fuhren wir nach Bahji, wo wir Zeit zum Essen und auch zum Beten im Schrein von Bahaullah hatten, bevor wir wieder aufbrachen zum Landhaus von Mazra’ih, das erste Haus, in dem Bahaullah relative Freiheit geniessen konnte und wo er von der von ihm so geliebten Natur umgeben war. Mazra’ih ist ein relativ kleines Haus inmitten grüner Landschaft. Hier wohnte Bahaullah einige Zeit bevor er zum Landhaus von Bahji übersiedelte, wo er auch starb. Mazra’ih war wunderbar und es war herzerwärmend als die Betreuer des Hauses uns Orangen aus dem Garten schenkten. Vera kannte sie noch von früher und so wurden wir gleich für den übernächsten Tag zum Mittagessen eingeladen.
Zurück in Haifa konnten wir einige Zeit auf den Terrassen verbringen, bevor wir einen Vortrag von Dr. Arbab, Mitglied des Universalen Hauses der Gerechtigkeit hören konnten. Er sprach, wie nicht anders zu erwarten, vom kommenden Fünfjahresplan und unsere Aufgaben darin.
Am kommenden Tag hatten wir frei, denn einige aus der Gruppe hatten den Besuch im Internationalen Bahai Archiv vor sich und einige wie wir, erst später. Wir entschlossen uns, in die „Monument Gardens“ zu gehen, wo Mirza Mihdí, Navváb (die Frau von Bahaullah), das Grösste Heilige Blatt (Schwester von Abdul-Baha) und Munirih Khanum (Frau von Abdul-Baha) begraben liegen. Es sind besonders schöne und anmutige Grabstätten und man fühlt eine friedvolle und liebevolle Atmosphäre dort. Die Gräber sind fast direkt unterhalb des Universalen Hauses der Gerechtigkeit. Dort habe ich mich, neben den Schreinen, fast am wohlsten gefühlt. Später am Tag gingen wir dann mit unseren moldawischen Freunden zum „Temple Land“, einem Grundstück wo das zukünftige Haus der Andacht für Israel errichtet werden soll. Ein Obelisk steht dort um den Ort zu markieren. In der unmittelbaren Nähe soll Bahaullah das Tablet vom Karmel offenbart haben. Es ist ein wunderbarer Ort, denn er überblickt die ganze Bucht von Haifa und wenn später das Haus der Andacht errichtet sein wird, wird es sicherlich weithin sichtbar sein.
Das regnerische Wetter an diesem Tag passte dazu, dass wir zum Bahai Friedhof fuhren, wo viele berühmte Bahai begraben sind, wie etwa ehemalige Mitglieder des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, sowie Hände der Sache Gottes und Mitarbeiter aus der Zeit Abdul-Bahas und Shoghi Effendis. Es war wunderbar, am Grab von John Esslemont und Ali-Akbar Furutan zu beten, zu denen ich irgendwie eine besondere Beziehung habe. Es regnete in Strömen, als ob der Himmel über diese Seelen weinen würde. Wir liessen den Abend leise ausklingen und verbrachten ihn mit unseren Freunden.
Am kommenden Morgen versammelten wir uns am Internationalen Lehrzentrum wo wir von den Beratern empfangen wurden. Beraterin Ndegua aus Afrika sprach über den kommenden Fünfjahresplan und anschliessend konnten wir in der Kantine mit den Beratern persönlich sprechen. Wir hatten irgendwie keine Gelegenheit dazu, da es so viele Freunde gab die mit den Beratern sprechen wollten. Doch unsere Gelegenheit sollte später noch kommen. Wir waren ja nach Mazra’ih eingeladen worden und genossen dort eine wunderbare Zeit mit den Betreuern des Landhauses, die uns wirklich unglaublich viel über die Bahai Geschichte erzählen konnten. Zu unserer grossen Überraschung kam irgendwann am Nachmittag dann Herr Razavi mit seiner Familie und wir verbrachten die folgenden Stunden damit, Orangen, Grapefruits und Avocados im Garten zu pflücken. Herr Razavi sprach mit uns über Deutschland. Seiner Ansicht nach ist der Institutsprozess schon sehr gut. Er meinte, dass der Schlüssel in Deutschland darin bestehen würde, die Kernaktivitäten für Nicht-Bahai zu öffnen. Er wirkte sehr ermutigend auf uns und wie auch an den vorangegangenen Tagen spürten wir, dass es doch eine Ehre ist, Bahai zu sein und diese heiligen Stätten besuchen zu dürfen. Am Abend genossen wir dann einen wunderbaren Vortrag von Beraterin Joanne Lincoln. Sie sprach aus historischer Sicht über den Institutsprozess und es war sehr erfrischend, wie sie am Ende einfach ihre Gitarre auspackte und anfing zu singen. Was für ein wundervoller Abschluss des Tages.
Der nächste lange Tag stand uns bevor und wir besuchten zuerst das Landhaus in Bahji wo Bahaullah seine letzten zwölf Jahre verbrachte. Ich finde persönlich es ist das schönste Haus und man kann spüren, dass es Bahaullah hier gut ging. Innen ist das Haus liebevoll von Shoghi Effendi dekoriert worden und es ist viel historisches Material dort zu sehen. Natürlich hatten wir wieder Zeit, in den Schrein zu gehen und dort zu beten, wie wir uns auch jeden Tag in Haifa dafür Zeit nahmen dort in die Schreine zu gehen. Nach dem Mittagessen besuchten wir in Akká das Haus von ’Abdu’lláh Páshá, wo Abdul-Baha vor seiner Freilassung 1908 lebte und wo auch Shoghi Effendi geboren wurde. Es ist das Haus mit dem wunderschönen Innenhof, der erst kürzlich fertiggestellt wurde. Hier bekam man vor allem einen guten Einblick in das tägliche Leben Abdul-Bahas und seiner Familie. Abschliessend besuchten wir noch den Garten Ridván, wo Bahaullah häufig zu Picknicks lud und die Freunde in grosser Zahl kamen. Es gibt dort ein kleines Gartenhaus, wo Bahaullah manchmal übernachtete. Ein wunderschönes kleines Gartenhäuschen inmitten eines Gartens gelegen. Nach diesem langen Tag waren wir recht erschöpft. Trotzdem gingen wir noch ins Pilgerzentrum, da Kiser Barnes vom Universalen Haus der Gerechtigkeit einen Vortrag hielt über den Aspekt des „Zwillings“ in der Bahai Offenbarung. Seine mitreissende Art steckte an und bildete wieder einmal einen wunderbaren Abschluss.
Am kommenden Morgen versammelten sich zehn von uns um ins Archivgebäude zu gehen. Was wir dort zu sehen bekamen war wohl irgendwie besonders. Als wir eintraten kamen wir in eine grosse Halle und an den Wänden hingen viele Bilder und Gegenstände. Überall waren kleine Kommoden und Schränke aufgebaut. Wir wurden nach ganz hinten geführt und zuerst wurde uns ein Gemälde von Bahaullah, ein Gemälde des Bab und eine Fotografie von Bahaullah gezeigt. Ein überwältigender Anblick und doch habe ich, nachdem wir das Foto gesehen haben, keine klare Erinnerung mehr an Sein Gesicht. Doch mir kam die Beschreibung von E.G. Browne in den Sinn und ich fand sie sehr passend.
Ich möchte nicht allzuviel auf die Details eingehen, die im Archiv gezeigt werden, es wäre einfach zuviel. Einige der herausragenden Gegenstände die mir in Erinnerung geblieben sind, waren die Kleider und Schreibutensilien Bahaullahs oder Kleiderfetzen, die der Bab bei Seinem Märtyrertod trug. Die Kleider von Mirza Mihdí bei seinem Sturz. Ein Ring von Quddús, einem Jünger des Bab oder das Schwert von Mulla Husayn mit dem er sich in Shaykh Tabarsí verteidigen musste. Ein Stück Boden vom Siyáh Chál dem „Schwarzen Loch“ wo Bahaullah Seine Sendung empfing. Die Originaltexte der Verborgenen Worte in Bahaullahs Handschrift.
Wir hatten etwa zweieinhalb Stunden im Archiv aber als wir danach ins helle Sonnenlicht traten, waren wir so angefüllt mit Eindrücken dass, hätten wir längere Zeit dort verbracht wir sicher nicht mehr Informationen hätten aufnehmen können. Wir beschlossen, den Rest des Tages in Haifa zu verbringen und besuchten wieder die Monument Gardens und stiegen auch die Terrassen hinunter. Wir nahmen uns diesmal viel Zeit für die Schreine und gingen dann erst am Abend ins Pilgerzentrum, wo zu unserer freudigen Überraschung Ali-Muhammad Varqá, die letzte lebende Hand der Sache Gottes einen Vortrag hielt. Es war besonders bewegend denn er sprach über die Zeit, als die Hände der Sache Gottes den Glauben steuern mussten nach dem Tod Shoghi Effendis und vor der Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit. Ich hatte darüber schon im Vorfeld gelesen und wusste was passiert war. Doch die Begebenheiten von jemandem zu hören, der diese schlimme und schwere Zeit selbst miterlebt hatte und einer der „Steuermänner“ gewesen war, war besonders bewegend. Beeindruckend war vor allem, dass er immer wieder sagte, dass die Freunde standhaft im Bund sein müssen. Dies sei eines der wichtigsten Dinge. Nachdem er geendet hatte kamen verschiedene Freunde nach vorne um Gebete in verschiedenen Sprachen vorzutragen. Die Schönheit in der Vielfalt wurde hier offenbar und man konnte spüren, dass die Offenbarung Bahaullahs wirklich für die ganze Welt gebracht wurde.
Nach Herrn Varqá kam Beraterin Ndegua und sprach zu uns über die Lehrarbeit. Man konnte sehen, dass dies ein Thema war, dass sie sehr bewegte. Sie rief uns auf, keine Angst mehr zu haben, denn Bahaullah sei immer mit uns.
Der nächste Tag versprach eher touristisch zu werden, da wir eine Tour durch die Gebäude auf dem Bogen haben sollten. Zuvor jedoch stiegen wir die Terrassen bis ganz nach oben hinauf und konnten die wunderbare Aussicht und den Schrein des Bab in all seiner Pracht bewundern. Um 14 Uhr trafen wir uns dann beim Internationalen Lehrzentrum und konnten es von innen bewundern. Neben dem Zentrum für das Studium der Heiligen Texte besuchten wir auch den Sitz des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, der mir am meisten imponierte. Man konnte die detaillierte Planung erkennen und jeder Raum hatte seine eigene Bedeutung bekommen.
Wir genossen neben den Gebäuden auch die wunderbaren Gärten und gingen in die Schreine. Um 17 Uhr waren wir bei Svetlana Muhajir eingeladen, eine Bahai aus Sibirien. Ihr Mann, Payman Muhajir ist Mitglied des Universalen Hauses der Gerechtigkeit. Er kam später dazu und man konnte sehen, dass Lehren für ihn wirklich eine Leidenschaft war. Er sagte uns, dass er den Eindruck hatte, dass Ostdeutschland für den Glauben viel offener sei als Westdeutschland, da die Menschen nicht religiös aufgewachsen seien und so eine viel klarere Sichtweise auf den Glauben haben könnten. Er lobte auch besonders Osteuropa und die Aufnahmebereitschaft die dort trotz der vergangenen 15 Jahre noch immer spürbar sei. So ermutigt, gingen wir dann ins Pilgerzentrum wo uns ein wunderbarer letzter Vortrag von Berater Steven Hall aus Australien erwartete dessen ruhige, besonnene Art eine inspirierende Wirkung hatte. Er sprach vor allem über die letzte Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit und konzentrierte sich auf die Kernaktivitäten und ihre weltweite Entwicklung.
Der kommende Tag war der vorletzte Tag in Haifa. Wir besuchten am Morgen die Schreine um dort bei Sonnenaufgang zu beten. Anschliessend gingen wir zum Grab von Ruhiyyih Khanum, der Frau Shoghi Effendis und danach das Haus von Abdul-Baha in der Haparsim Strasse. Dort wurden immer Pilger empfangen und Shoghi Effendi lebte dort zusammen mit seiner Frau. Auch sie lebte dort bis zu ihrem Tod im Jahr 2000.
Gegen Abend wurden wir von den Beratern und einigen Mitgliedern des Hauses der Gerechtigkeit zum Schrein begleitet, um die Pilger zu verabschieden. Wie bei der Begrüssung wurden die Besuchstablets verlesen und anschliessend konnte man noch im Pilgerzentrum Tee trinken.
Wir durften am folgenden Tag noch bis Sonnenuntergang in Haifa und Akká bleiben. Mit einigen Freunden fuhren wir an diesem Tag nach Akká um die Altstadt zu besuchen sowie auch die Moschee, die Abdul-Baha auch jeden Freitag zu besuchen pflegte. Danach fuhren wir nach Bahji um ein letztes Mal den Schrein Bahaullahs zu besuchen. Nach unserer Rückkehr nach Haifa besuchten wir auch ein letztes Mal die Schreine, bevor wir in den Bus stiegen und bei Sonnenuntergang Haifa verliessen.
Wir haben dann noch zwei Tage in Netania verbracht aber eigentlich waren wir beide reif für die Rückkehr nach Hause. Die Pilgerreise hat sicherlich unser Leben einschneidend verändert und das ganze Ausmass der Wirkungen können wir immer noch nicht sehen. Es beeinflusst wohl das ganze weitere Leben.
Wir können wirklich nur jedem ganz aufrichtig ans Herz legen, selbst die Pilgerreise zu machen. Diese Erfahrung ist für das Leben als Bahai von unglaublicher Wichtigkeit. Wir haben gemerkt, dass Sorgen wie die Finanzierung sich lösen. Natürlich muss man alles planen aber wir haben festgestellt, dass wenn man wirklich dorthin will, auch dorthin kommt. Mit diesen Eindrücken verabschieden wir uns und hoffen, dass wir euch ein bisschen von unseren Erlebnissen vermitteln konnten.
Liebevolle Grüsse und Gedanken an jeden von euch,
Vera & Dominik












Am 5. Juni 2006 um 02:11 Uhr
Liebe Vera und lieber Dominik,
mit Freude erfüllt sich mein Herz beim Lesen eueres Berichtes. Für einige Minuten habt ihr mich zu den heiligsten Stätten der Welt gebracht, welch eine erhabene Ehre. Ich fühle die Ehrfurcht und das Staunen, die Dankbarkeit und Liebe, die aus eueren Worten in mein Herz dringen. Vielen Dank.
Robert