Print This Post  Das große Grübeln

15. Mai 2006 | Beitrag eingestellt von Lisa | Bisher 2,327 Aufrufe

Brasilito Beach, Costa Rica„Geistiges Glück ist ewiges Leben. Es ist Licht, dem kein Dunkel folgt…, Leben, das kein Tod ereilt, Sein, auf das kein Nichtsein folgt. Diesen erhabenen Segen, dieses kostbare Geschenk erhält der Mensch allein durch Gottes Führung.“ (Abdu’l-Baha, Star of the West)

Diese Führung brachte mich nach China. Das Land, in dem ich die Bahai kennen lernen durfte, in dem ich Erfahrungen machte, die mein ganzes Leben verändern sollten.

Mein erster Eindruck von den Bahai war: nette, offene und herzliche Menschen, die gerne und viel essen. Der Eindruck hat sich bis heute gehalten, auch wenn natürlich noch viele mehr hinzugekommen sind.

Ich war nicht auf der Suche nach einem geistigen Zuhause, wie viele andere hatte ich mich damit abgefunden, dass es nicht auf alles eine Antwort gibt. Doch ich wurde neugierig: Nie zuvor hatte ich Menschen getroffen, die so voller Gottvertrauen, Zuversicht und Liebe zu ihrer Religion waren. Menschen, die den Sinn in ihrem Leben gefunden hatten. Beeindruckt haben mich nicht nur die Menschen, sondern auch die Andachten — so schlicht und doch eindrucksvoller und ergreifender als jeder Gottesdienst, den ich bisher erlebt hatte. Viele Gespräche mit Freunden über Gott und die Welt weckten dann auch mein Interesse an der Lehre — alles war logisch und einleuchtend.

Mit vielen Eindrücken und guten Vorsätzen mich näher damit zu befassen kehrte ich nach Deutschland zurück. Ich hatte mir vorgenommen ein paar Bücher zu besorgen und keinen Kontakt zu Bahai in Deutschland zu suchen — selbstständige Suche nach Wahrheit eben… :-)

Doch das ist leichter gesagt als getan — ich denke jeder wird wissen, wie leicht man in den deutschen Alltag gezogen wird, und darüber kaum Zeit und Ruhe für Geistiges findet. Doch trotz aller Ablenkung ließ es mich nicht mehr los. Manchmal kam es vor, dass ich mich eine Woche lang gar nicht damit beschäftigte — aber ich kam immer wieder zu meinen Büchern zurück. Versuche mit Freunden über meine Begeisterung und mein Interesse für die Baha’i-Religion zu reden waren auch wenig hilfreich. Die meisten taten es als Phase ab oder „eine interessante chinesische Religion“. Trotz wiederholter Versuche, dies richtig zu stellen, wird Bahai für einige meiner Freunde vielleicht immer eine chinesische Religion bleiben.

Irgendwann war es soweit, und ich wusste dass ich jetzt noch jahrelang so weitermachen könnte und dennoch auf meinem Weg nicht vorankommen würde. Ich begann einen Ruhi 1 Kurs, und knüpfte so die ersten Kontakte zu deutschen Bahai. So kam ich zwar einige Schritte weiter, und bekam neue Energie und Inspiration für meine Suche- nun aber stellte sich die nächste Frage: „Wann erklärt man sich?“

Wenn man Baha’u’llah als die Manifestation Gottes für dieses Zeitalter anerkennt?

Das war bei mir ein schleichender Prozess, der wahrscheinlich schon in China abgeschlossen war.

Wenn man genug weiß?

Ich denke dieses Gefühl wird sich bei mir nie einstellen.

Dazu die Zweifel — kann ich jemals diese hohen Standards erreichen?

Verrate ich nicht mein altes Leben als (zugegebenermaßen nicht sonderlich aktiver) Christ? Das Wissen, nie so strahlen und den Glauben so gut repräsentieren zu können wie die Menschen, die mich zu ihm geführt haben. Kurz gesagt, ich fühlte mich einfach nicht gut genug für den Namen Bahai. (Nicht, dass ich das jetzt tue…)

So dümpelte ich in mir und meinen Gedanken gefangen vor mich hin und wurde immer unausgeglichener. Ich denke tief in mir, wusste ich immer, wo mein Weg hinführen wird – und wusste auch, dass es eigentlich gar keine andere Möglichkeit mehr für mich gab. Weil es eben ein Verrat an meinem alten Leben wäre, diesen Weg nicht weiter zu gehen. Weil diese Wahrheit mich nie wieder loslassen würde. Mir ging es so wie William Sears es in „Dieb in der Nacht“ beschreibt:

„(…) bin ich immer noch ein Christ, aber in einem viel tieferen Sinn, als ich es jemals träumte, dass ich es sein könnte.
Ich bin auch ein Anhänger Bahaullahs, bin Bahai geworden. Ich hatte keine Wahl. Ich musste Bahaullah anerkennen oder Christus verleugnen.“

Was war jetzt der genaue Anlass für meine Erklärung? Das Tröpfchen, dass das Fass zum Überlaufen brachte, war, dass ich den Satz „Ich bin nicht Bahai“ nicht mehr sagen wollte; ihn als unwahr empfand.

So traf ich endlich die Entscheidung, die eigentlich schon lange gefallen war. Ich erklärte mich, und es war wohl die beste und wichtigste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. Was diese Entscheidung für mich bedeutet, kann ich nicht in Worte fassen. Nur, dass meine innere Gewissheit, dass ich auf dem richtigen Weg bin, die herzliche Aufnahme in die Gemeinde, die neuen Perspektiven und Inspirationen mich mit solchen Glücksgefühlen und mit neuer Energie versorgten, dass ich mich im nachhinein frage, warum ich es nicht schon viel früher getan habe.

Wahrscheinlich brauchte ich die Zeit um mich von meinen alten Denkweisen zu befreien. Solange es gedauert hat, so viele Umwege ich auch genommen habe, und wie viel ich auch mit mir selbst kämpfen musste — am Ende zählt das Ergebnis, und auch wenn der Kampf mit mir selbst wahrscheinlich noch ewig weitergeht freue ich mich jeden Tag aufs neue darüber und bin unendlich dankbar, dass Gott mir diese Chance gab — und noch dazu die Kraft sie zu ergreifen.

4 Reaktionen zu “Das große Grübeln”

  1. Maria

    das ist echt schön, dass du uns hungrige auf solche geschichten, daran teilhaben lässt!!!
    ich glaube diese inneren kämpfe tragen wohl die meisten mit sich herum. denn perfektion gibt es ja hier nun mal nicht. wir müssen halt damit zufrieden sein, dass wir danach streben. vielleicht kann man nie wirklich bahai werden (hier)…oder die wenigsten…und mir fällt es so gesehen auch oft schwer zusagen, ich wäre bahai…das ist ein nie enden wollender prozess – aber so stehen wir alle eben nie still ;)

    schöne geschichte!

  2. Nadi

    Ein wirklich bewegender Bericht. Vielen Dank. Und wenn ich das so lese, erweckt es in mir, die ich in einer Bahai-Familie aufgewachsen bin, ein Gefühl der Bewunderung: Bewunderung dafür, dass ein Mensch sich ganz alleine auf die Suche macht, abwägt, kämpft, grübelt, sich geduldet, weiterkämpft, wartet, fragt, antwortet … und dann eines Tages den richtigen Zeitpunkt findet, um solch eine große Entscheidung zu treffen. Da muss man doch ganz schön stolz auf sich selber sein können! Hut ab!

  3. Robert

    Ich denke, du sprichst vielen “Findern” aus dem Herzen, deren altes Leben sich mit dem neuen überlagert. Anfangs weniger, doch dann immer öfter verlagert sich der Standpunkt und die Sichtweise auf den heranreifenden, neuen Geist, der wie eine zarte Blume aus der tiefen Sehnsucht des Herzens erwächst. Für jeden wachsamen Sucher ist es mehr als offensichtlich, wie befreiend und erleuchtend dieser Weg ist. Aber es braucht Zeit und eine Menge Achtsamkeit, um den Unterschied der Geisteshaltungen nicht nur zu bemerken, sondern sich des ganzen Schmerzes gewahr zu werden, den ein sich isolierender Geist verursacht, um so im Entschluß gestärkt, zurück auf den Geraden Pfad zu eilen.

  4. Dominik

    Hallo Lisa, vielen Dank für deinen wundervollen und herzerwärmenden Bericht. Er hat mich sehr berührt und ich bin doch sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, ihn zu lesen. Gibt er doch Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt jener, die auf dem Weg sind. Für mich der ich auch in einer (halben) Bahá’í Familie aufgewachsen bin, ist dies sehr spannend und faszinierend. Ich glaube dass wenn man mit den Bahá’í Schriften in Kontakt kommt, ungeahnte Edelsteine ans Licht kommen die vorher nicht wahrgenommen wurden. Etwas das vorher vielleicht verschüttet war, wird ausgegraben. Du bist auf einem wunderbaren Weg und es hat alles gerade erst angefangen.
    Danke auch Robert für deinen wunderbaren Beitrag. Ich glaube herauszulesen, dass Bahá’í zu sein auch bedeutet, sich selbst zu erziehen. Den geraden Pfad wieder zu finden ist manchmal gar nicht so leicht, doch hat man eine Richtlinie in den Schriften, zu der man immer zurückkehren, an der man sich festhalten kann. Und das finde ich doch sehr beruhigend. Ein fixer Punkt in einer Zeit, wo doch nichts mehr sicher zu sein scheint.

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