Print This Post  Ein bewegendes Gedicht

1. Mai 2006 | Beitrag eingestellt von Shila | Bisher 3,569 Aufrufe

von der persischen Dichterin Tahirih

Auf deiner Liebe Weg,
verliebt und heimgesucht bin ich.
Wie lange widersprichst du mir?
Mit Gram um dich vertraut bin ich.
Dein Antlitz hast verschleiert du,
die Locke hast geringelt du,
hast dich von allen hier getrennt – von allen nun getrennt bin ich.

Die Milch bist du, der Zucker bist du,
der Zweig bist du, die Frucht bist du,
der Mond bist du, die Sonne bist du,
ein Stäubchen, ein Atom bin ich.

Die Palme bist du, die Dattel bist du,
die Süße meiner Lippen du,
ein großer feiner Herr bist du –
die schamlos freche Sklavin ich.

Die Kaaba bist du,
das Kloster bist du und Mekkas Schrein,
verehrter, sehr geliebter du,
armsel’ge Liebende bin ich.

Der kecke schöne Freund, er sprach
Zu mir: „Nun komm einmal hierher,
befreit von Stolz und Heuchelei!
Strahlort der Gottesmacht bin ich!“

Ich bin für deinen Fuß der Staub,
ich bin berauscht von deinem Wein.
Bekenner meiner Schuld bin ich –
Ich harre der Vergebung dein!

(Übersetzt von Annemarie Schimmel)

Über die Dichterin: Tahirih (Qurratu’l-Ayn) lebte zwischen 1817 und 1852 im Iran. Sie war die erste Frau, die der Religion des Bab, dem Vorgänger Bahaullahs beitrat. Sie stammte aus einer Familie muslimischer Gelehrter und studierte selbst auch den Koran, obwohl der Besuch einer Schule oder Universität Frauen nicht gestattet war. Sie hielt sich deshalb während der Vorlesungen hinter einem Vorhang versteckt. Während einer Konferenz der Anhänger des Bab trat sie ohne Schleier in der Öffentlichkeit auf. Eine Tat, die viele zu jener Zeit in Entsetzen versetzte, weil es als unschicklich galt, sich als Frau unverschleiert zu zeigen. Sie aber verkündete damit den Anbruch einer neuen Zeit, in der die Herrschaft des Mannes über die Frau nicht mehr gelten sollte. Tahirih wurde 1852 zum Toder verurteilt, weil sie ihrem Glauben nicht abschwören wollte. Sie wurde in Teheran erdrosselt. Unmittelbar bevor sie ermordet wurde, sprach sie die Worte: “Ihr könnt mich zwar töten, aber ihr könnt nicht den Fortschritt der Frau aufhalten”, und ging als eine der frühen Frauenrechtlerinnen in die Geschichte ein.

Einen Kommentar schreiben

du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.


Beiträge zu ähnlichen Themen (meint jedenfalls der Computer)