Print This Post  Ein erster Schritt

7. April 2006 | Beitrag eingestellt von Maria | Bisher 2,672 Aufrufe

beschuhter Fuß?Es war einst ein kleines junges Mädchen von 17 Jahren mit kurzen braunen Haaren, einer Brille auf der Nase und einem klassischen „deutsche Gesellschaft“-Blick; nennen wir sie doch Maja. Sie lebte bei ihren Eltern in einem Dorf in der Nähe einer mittelgroßen Stadt, wo sie die Schule besuchte.

Mit ihren 17 Lenzen dachte Maja, schon genug von der Welt gesehen, gehört und erlebt zu haben, als dass man sich noch auf etwas wie Zukunft freuen konnte; war sie doch der Meinung, dass Krieg und Gewalt, was uns die Medien vermitteln, Missbrauch, Rassismus und andere schlechte Entwicklungen so überhand genommen haben, dass der Mensch nur noch mit Ängsten belastet existieren kann, wohl aber nicht wirklich leben. Warum sollte man sich dann auch noch dem Kreislauf des Lebens unterwerfen und den Nachkommen den „Dreck“ vererben.

Diese Phrase des „Guten im Menschen“ — war das nicht alles nur noch Einbildung? Hatte sie selbst sich nicht schon längst der Gesellschaft angepasst durch Gruppenzwang und einfache Gewohnheit. Unterwarf sie nicht selbst ihr eigenes Ich der Überlegung, wie die Umgebung sie wahrnehmen würde. „Bloß nicht auffallen“ war die Devise! Bloß kein Einzelgänger werden! Und um nicht unterzugehen, war der Mittelpunkt auch manchmal ihre Bühne. Und eine große quälende Frage trug Maja immer bei sich: Wer bin ich? Oder: Wie kann ich ich werden? Wer ich war, weiß ich, bin es aber nicht mehr.

Eines Tages nun trug es sich zu, dass das junge Mädchen ganz unerwartet nicht nur, wie üblich, Begrüßungsfloskeln austauschte, sondern sich ein Gespräch mit einer Mitschülerin entwickelte, was in der Kürze der Mittagspause doch ganz ungewohnt an einer Art von Tiefgründigkeit kratzte. Ja, es hatte ein wenig Philosophisches an sich. Eine für die Schule seltsame aber interessante Erfahrung, die geradezu nach Fortsetzung schrie.

Beeindruckt von der Erkenntnis, dass es anscheinend noch andere Menschen gibt, die sich mit scheinbar dummen oder komischen Fragen auseinandersetzten, konnte Maja es kaum erwarten sich mit der neu gewonnenen Bekannten — nennen wir sie Polly — zu treffen. In der fremden Wohnung zum verabredeten Termin angekommen, fielen ihr zunächst Bilder ins Auge von einem alten Mann mit weißem langen Bart und einem Turban. Sie fand das sehr ungewöhnlich und fragte sich, was eine Jugendliche wohl dazu veranlassen könnte. Der einzige Grund, der ihr in den Sinn kam, war Religion oder ähnliches. Vorsichtig fragte sie das Mädchen mit den dunkelblonden Haaren und dem freundlichen Gesicht, ob sie einer Glaubensrichtung angehöre. Die Antwort folgte auf dem Fuße: „Ja, ich bin Bahai.“ Dieser Name war ihr ein völlig fremder. Schon so einiges hatte Maja über die großen Religionen gehört, jedoch fand sie sich nie veranlasst, sich weiter damit auseinanderzusetzen, weil der ein oder andere Aspekt ihr nicht zu behagen schien.

An diesem Nachmittag legte Polly ihr einige Prinzipien des Glaubens dar und erzählte von Projekten wie beispielsweise einem Tanzworkshop.

Als Maja am Abend nach Hause kam, erzählte sie ihrer Mutter ganz aufgeregt von dem Gespräch und ging sofort ins Arbeitszimmer, um im Lexikon noch mehr in Erfahrung zu bringen. Seit etwa 5 Jahren entwickelte sich in Maja der zur Meinung ihrer Eltern gegenläufige Gedanke, dass es doch so etwas wie ein höheres Wesen geben muss. Damals war ihre so geliebte Uroma verstorben und Maja stand fast jeden Abend am Fenster ihres Zimmers und erzählte in die Sterne hinein, was ihr Herz bewegte.

Angetan von einem Glauben, der so harmonierte mit ihrer eigenen Gedankenwelt und ihren Wünschen, las sie Zitate, besuchte Tanzgruppen und fragte viel.

Majas Eltern jedoch, die sich zunächst bei den zuständigen Stellen über die Existenz der Bahais als Religion — und nicht als Sekte — informierten, vertraten die Position, dass man an nichts als an sich selbst glauben könne. Viele Stunden und Tage gefüllt mit Diskussionen folgten und es kam der Vorwurf auf, Maja wäre nur in einer Phase und würde sich nur aus Trotz gegen die Eltern so intensiv damit beschäftigen. Ihr Vater war der Meinung, Maja bedürfe seiner Unterschrift, um sich als Bahá’í erklären zu können und verordnete ihr ein Jahr des Wartens, bis sie volljährig sei.

Kurz vor ihrem Geburtstag bat Maja um ein Gespräch, in dem sie ihre Eltern an deren vergangene Worte erinnerte und ihnen erklärte, dass Bahai zu werden nicht nur eine fixe Idee ihrerseits sei, sondern Überzeugung dahinter stecke. Etwas enttäuscht gaben die Eltern zu, froh zu sein, dass, wenn Maja schon unbedingt ihre Zugehörigkeit zu einer Glaubensrichtung bekennen wolle, es wenigstens diese sei. Auch erkannten sie an, dass ihre Tochter eine positive Entwicklung durchgemacht habe.

Erleichterten Herzens stand der Weg nun frei, den zu gehen, sie sich entschieden hatte.

Zurückblickend glaubte Maja, dass eigentlich jeder so tief innen drin doch wissen müsse, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Sie selbst hatte das für sich nur früher nie klar darlegen können. Ein Geschenk war es, Menschen zu finden, die alle ihr bestes versuchen und auf gemeinsame Ziele hinarbeiten; Menschen, deren Basis ein neuer junger Glaube ist, der so klare Prinzipien äußert und sich so umfassend auf viele Themengebiete des Lebens, so viele Fragen bezieht, und der vor allem die anderen Religionen als ebenso wichtig und notwendig betrachtet.

In den folgenden Monaten und Jahren wurde für Maja klar, dass Bahai-werden eine nie enden wollende Aufgabe und Bahai-sein das Ziel darstellt — eine lebenslange Herausforderung. Jedoch mit dem Schritt in diese Richtung gab es für sie endlich eine stabile Basis, auf der sich nun auch eine Identität, ja, ein Leben aufbauen ließ – ein Leben mit Herz, Verstand und einem Sinn. Denn wie klein auch ein Mensch im Vergleich zum Universum sein mag, so fehlt doch ohne ihn ein kleiner Teil vom großen Ganzen.

2 Reaktionen zu “Ein erster Schritt”

  1. Michael

    Ich wünsche Maja weiterhin alles Gute. Es ist so gut, dass sie ihren eigenen Weg gegangen ist. Das ist für mich Religion: den eigenen Weg immer neu zu finden und zu gehen. Das ist ein Gefühl der Leichtigkeit, der Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit. Denn das Leben ist ein Spiel. Und wenn man die Regeln beachtet und vorankommt, macht es unglaublich Freude. Ein Abenteuer, eine Entdeckungsreise, die immer wieder überrascht.

  2. Renate

    Liebe “Maja”,
    lieben Dank für die “Wunder”-bare Geschichte. Sie zeigt mir, wie tief im Innern eines Menschen Gott zu den Menschen spricht indem Er an die Herzenstüre behutsam anklopft. Nur schade, dass immer noch so wenig Menschen auf ihre innere Stimme hören und ihr nach”gehen”.
    Ich las zwischen den Zeilen eine Sanftheit und eine Zartheit, wie “nur” Gott sie dem Menschen schenken kann.
    Nochmals lieben Dank und für die Zukunft weiterhin Gottes spürbaren, erfahrbaren Segen

Einen Kommentar schreiben

du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.


Beiträge zu ähnlichen Themen (meint jedenfalls der Computer)