Offene Bahai Kinderklassen
3. März 2006 | Beitrag eingestellt von Peter | Bisher 2,772 Aufrufe
In Münster gibt es nunmehr seit einigen Jahren Kinderklassen, die sich langsam entwickelt haben und heute für die Gemeinde einen guten Weg zur Öffnung nach außen darstellen. Damit Kinderklassen richtig gut funktionieren müssen einige Anforderungen erfüllt sein, die ich zum Schluss benennen werde. Natürlich waren uns nicht alle Punkte am Anfang so klar. Emanuel und ich kamen vor zwei Jahren zu Kinderklassen wie die Jungfrau zum Kinde.
Wir hatten mit Disziplinproblemen zu tun, und die Kinder waren nicht mit soviel Begeisterung bei der Sache, wie wir es uns gewünscht hätten. Das Alter der Kinder lag anfangs zwischen 3 und 9 Jahren, die Teilnehmerzahl wechselnd zwischen 6 und 12.
Erste Elemente der Kinderklasse sahen am Anfang typischer Weise so aus:
- Gemeinsame Andacht: Ein Kind sitzt unter den Stühlen andere weigern sich etwas zu sagen.
- Gemeinsames Singen (Kinderchor): So schaurig, dass man den Glauben an einen Auftritt in naher Zukunft verliert.
- Gelernte Zitate (Hausaufgabe): Betretenes Schweigen, dann lauthals Beschwerden, dass dass alles zu viel und zu schwierig ist. Wenigstens die Erwachsenen konnten die Zitate.
- Neues Zitat besprechen: Die Kinder kapieren gar nichts, die Erwachsenen breiten ihr Wissen aus.
- Geschichte erzählen: genervte Fragen, “Wann dürfen wir endlich Essen?”
- gemeinsames Essen: Die Schlacht am Kuchenbuffet mit Krümmelorgie.
- Abschlussrunde: Ermutigende Kommentare wie: “Früher war alles besser.”
Wir haben viel beraten und gemeinsam überlegt wie wir besser werden können. Wir haben Eltern und ausgebildete Pädagogen befragt und wir haben nicht aufgegeben.
Mit mehr oder weniger pädagogischem Geschick ist die Klasse zusammengewachsen und macht viel Spaß.
Zu den weniger pädagogischen aber wirkungsvollen Maßnahmen gehört die Bestechung der Kinder mit dem Versprechen, dass wir alle gemeinsam ins Kino gehen wenn alle bis zu den Ferien ihre Zitate lernen. Das hat jetzt schon Tradition.
Obwohl Anfangs eine große Verweigerungshaltung bestand, haben die Kinder schnell erkannt wie schön es ist auf einem Neunzehntagefest auch mal ein längeres Zitat auswendig zu können und dafür viel Lob von den Erwachsenen zu bekommen. Mittlerweile stellt das Lernen der Zitate kein großes Problem mehr dar.
Das Erarbeiten von neuen Zitaten erfolgt nach einer kurzen Klärung des Wortverständnisses in Kleingruppen, die nicht notwendig altersgemischt sind, da die Älteren doch schon eine größere Verständnistiefe erreichen.
Ab und zu werden mit den bereits gelernten Zitaten spielerische Übungen gemacht, wie z.B. pantomimisches Darstellen eines Begriffes, den die Gruppe dann raten muss. Oder das Umschreiben eines Begriffes, bei dem bestimmte Worte nicht benutzt werden dürfen. (Tabu). Oder das Malen eines Begriffes an der Tafel. Man muss nicht mit zwei Gruppen im Wettbewerb arbeiten, vielfach wollen die Kinder einfach drankommen und vormachen.
Für die Kinder fördert das die sprachlichen und die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten und das Zitat wird dabei besser verinnerlicht.
Alle Ruhi Freunde werden sicher weitere Techniken kennen gelernt haben, wie das Lernen von Zitaten Spaß macht und erleichtert wird.
Die Andachten sind mittlerweile ein echter Genuss, da die Kinder ihre Lieblingszitate haben, die sie gern, würdig und schön vortragen.
Die Geschichten leben natürlich vom freien spannenden Vortrag wie man ihn idealerweise im Ruhikurs gelernt hat. Da sollte man versuchen sich zu entwickeln und die Kinder durch Fragen (“Was hättet ihr in der Situation gemacht”) zum Mitdenken zu bringen.
Recht früh hatten wir die Idee das Stop & Act Konflikttheater in unsere Kinderklassen einzubinden. Glücklicherweise stellte uns jemand vom “Peoples Theater” Unterlagen zur Verfügung und wir fingen damit an das in den Klassen zu verwerten. Unser Ziel war primär nicht etwas Vorführungsreifes einzuüben, sondern wir wollten mit den Kindern Konflikte analysieren und Handlungsalternativen entwickeln. Das Ganze ist sehr einfach. Wir, das Team, spielen eine Konfliktsituation wie einen Sketch vor, bis zu dem Punkt an dem das Ganze eskaliert. Typische Themen sind Mobbing, Ungeduld, Geiz usw. Ein Skript zu so einem Konflikt ist etwa eine Seite lang. Beispiele dazu sind demnächst im Gemeinde Web zu finden.
Spieldauer ca 3 Minuten.
Dann analysieren wir gemeinsam mit allen Kinder die Situation. Stichpunkte werden an der Tafel notiert.
Was ist passiert?
Was ist schief gelaufen?
Wer hat welche Fehler gemacht?
Wo und wann hätte man was besser machen sollen?
Wie sollte man als Bahai reagieren?
Analysedauer ca 5-10 Minuten
Anschließend wird die Klasse in Kleingruppen aufgeteilt mit jeweils 3 Kindern, die dann einen alternativen Ablauf der Situation entwickeln.
Dauer der Kleingruppen ca. 10 Minuten
Zum Schluss kommen die Kinder im Plenum zusammen und jede Kleingruppe spielt ihre ausgedachte Alternativlösung.
Das macht allen Spaß und wir lernen viel dabei. Stop & Act wird von den meisten Kinder als Höhepunkt der Kinderklasse empfunden. Diese Art von Konflikttheater ist im Ursprungsland Russland nicht umsonst Preis gekrönt worden. Es ist lebens- und wirklichkeitsnah und die Kinder lernen mit Spaß Wesentliches.
Ca. 15 Minuten Ergebnispräsentation.
In jüngster Zeit ist uns auf dunklen Wegen eine Schwarzkopie des Ruhi Buch 5 zugeflossen, das wir ohne Ausbildung verwenden.
Wir profitieren davon, indem wir die dort vorgestellten Themen für 30 Stunden als Richtschnur für unsere Klassen nehmen. Das gibt dem Unterricht eine langfristige Struktur und ermöglicht späteren Lehrern auf ein bekanntes Fundament aufzusetzen. Wir halten uns also thematisch an die Lektionen, erzählen die dort vorgegebenen Geschichten und besprechen sie, wir benutzen die Zitate, und in Ergänzung zu unserem Stop & Act Teil machen wir die Theater Übungen zur Förderung des körperlichen Ausdrucks. Für uns hat sich gezeigt, dass das Ruhi 5 eine wundervolle Ergänzung für unsere Klassen darstellt.
Ein weiterer Vorteil neben dem verlässlichen soliden Lehrplan den es darstellt, ist die Tatsache, dass das vorbereitete Material uns viel Vorbereitungszeit spart. Wir nehmen uns was wir brauchen und ergänzen es durch unsere eigenen Konzepte.
Selbst wer das Material nicht zur Verfügung hat, kann effektiv Kinderklassen leiten. Es is eine Illusion anzunehmen, dass nur das richtige Material entscheidet. Was zählt, ist die Erfahrung, die man sammelt. Man muss anfangen, dann erst kann das Material langsam sinnvoll werden. Mit zunehmender Erfahrung wird natürlich alles leichter. Man darf durchaus auch Lampenfieber und etwas Angst vorm Feinde haben, wenn man zu zweit ist, kann man alle Situationen in der Regel gut meistern.
Von Anfang an waren unsere Klassen altersgemischt. Der Gedanke dabei ist, dass die Kleinen von den Großen lernen und langsam in die Gruppe herein wachsen, und dass die Großen den Kleinen helfen können und so eigene Kenntnisse vertiefen. Letztlich soll damit die Einheit der Kinderklasse und die Bahai-Identität gefördert werden.
Die Altersmischung erfordert es natürlich auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen. Das aber macht den Unterricht nur attraktiver.
Der Unterricht ist inzwischen so attraktiv, dass einige der Kinder mehr oder minder regelmäßig ihre Freunde / Freundinnen mitbringen, die auch mal Stop & Act erleben wollen. Damit zeigt sich, dass die Kinderklassen nicht zu Unrecht eine der Kernaktivitäten sind, denn sie ermöglichen eine vergleichsweise einfache Öffnung nach Außen. Die Schulkameraden der Kinder haben eben wenig Vorbehalte und die Kinder erzählen ganz freimütig von den Dingen, die Ihnen Spaß machen. Mittlerweile haben wir häufig bis zu drei Gäste.
Jetzt die versprochen Punkte die wichtig sind (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
1. Es bedarf der systematischen vorbehaltlosen Unterstützung des Rates, und der Eltern in der Gemeinde.
2. Wenn es sich nicht gerade um ausgebildete Pädagogen handelt, reicht es keinesfalls nur einen Lehrer zu haben, sondern es sollten zwei sein, die sich im Unterricht unterstützen und sich in Beratung gegenseitig helfen besser zu werden.
3. Das Team muss sein eigenes Konzept entwickeln, das zu ihm passt und stimmig ist.
4. Die Vorbereitungszeit für eine Kinderstunde darf nicht lange dauern, sonst ist das für Berufstätige nicht durchzuhalten.
5. Es muss für Jungen und Mädchen gleichermaßen attraktiv sein.
6. In der Regel gibt es eine große Altersspanne bei Kindern in der Gemeinde. Man sollte daher ernsthaft über die Vorteile und Möglichkeiten einer altersgemischten Gruppe nachdenken.
7. Obwohl ein langfristiges Konzept vorhanden sein muss, sollte jede Stunde einzeln stehen können, um jederzeit offen für Gäste zu sein.
8. Man sollte stetig am Gefühl der Verbindlichkeit der Kinderklassen arbeiten, damit möglichst immer alle kommen.
Ich als Kinderklassenlehrer profitiere natürlich genauso wie die Kinder. Ich vertiefe mich in Themen, ich sammle Erfahrung, ich stärke meine Bahai-Identität weil ich etwas sinnvolles tue.
Man muss ausprobieren, es darf Spaß machen, und die Disziplin beim (Auswendig)-Lernen wird durch Anerkennung belohnt.
Peter Hoerster











