Print This Post  Bahai-Studien: Jahrestagung

13. November 2005 | Beitrag eingestellt von Emanuel | Bisher 4,587 Aufrufe

Sasha DehghaniBericht über die Jahrestagung der Gesellschaft für Bahai-Studien (Langenhain, 15./16. Oktober 2005)
von Marion Claus

Es war sicherlich kein Zufall, dass die diesjährige Jahrestagung der Gesellschaft für Bahai-Studien (GBS) mit Beginn des Monats Ilm (Wissen) stattfand. Was den Zuhörer an fundiertem Wissen dargeboten wurde, verdient höchste Beachtung. Das Thema „Der Islam und die Bahai-Religion in der heutigen Welt“ wurde von hervorragenden Referenten in seiner Vielschichtigkeit verständlich und kompakt vorgetragen. Nach einer kurzen Andacht begann das Programm am Samstag mit Frau Dr. Johanna Pink, die einen Auszug aus ihrer Dissertation zu der Problematik der Bahai in Ägypten vortrug. Der Islam ist bekanntermaßen in Ägypten Staatsreligion und daher werden alle anderen Religionen als mehr oder weniger verfassungswidrig eingestuft. Es besteht Glaubensfreiheit (im Denken), jedoch keine Religionsfreiheit (im Handeln), wovon insbesondere die Bahai betroffen sind.

Frau Riem Spielhaus von der Muslimischen Akademie in Deutschland widmete sich der Problematik von Muslimen in Deutschland. Momentan leben offiziellen Angaben zufolge etwa 3 Mio. Muslime hier, wobei häufig Ethnien mit Religionen gleichgesetzt werden und eine Pluralität oft nicht wahrgenommen wird. Nach der Aussprache und einem Panel mit den Referenten ging es in die Mittagspause.

Den Nachmittag eröffnete Frau Dr. Fiona Missaghian-Moghaddam mit „Exklusivismus: Jedem das Seine, mir das Meiste!“ Erläutert wurden die verschiedenen Modelle der Religionen zur Heilserlangung. Ganz spannend die Entwicklung der christlichen Haltung vom Exklusivismus (Heil nur durch die kath. Kirche) hin zum Inklusivismus und der Aussage des 2. Vatikanischen Konzils 1965, wonach jede Religion, die „wahr und heilig“ ist, zum Heil führen kann. Wohlgemerkt: für den Christen gibt es den „ordentlichen Weg“, für den Nichtchristen den „außerordentlichen“. Die jeweiligen Bahai-Aussagen wurden verglichen und subsummiert in einer Absage an die Heilsgewissheit: „Er tut was Er will.“

Weiter ging es mit dem „Kampf der Kulturen“, dem Buchtitel von Samuel Huntington und zugleich Vortragsthema von Sasha Dehghani. Deutlich wurde: die Hauptursache für künftige Konflikte wird höchstwahrscheinlich in der Verschiedenheit der Kulturen liegen, wobei die Religion einen der wichtigsten Bestandteile jeder Kultur darstellt und verschiedene Identitäten hervorbringt. Die Wurzeln der europäischen Kultur basieren ja auf dem Wissen des Nahen Ostens. Auch Thomas von Aquin zitierte muslimische Gelehrte. Wegen der verschiedenen Religionen aber bestehen wachsende Vorurteile, nicht zuletzt aufgrund von mangelndem Wissen voneinander. Auch hier wurden Lösungsansätze in den Bahai-Schriften gesucht und gefunden. Es muß also nicht zum „Kampf der Kulturen“ kommen, wenn die Einheit in der Vielfalt angestrebt wird.

Emanuel Towfigh schließlich referierte zum Thema „Religiöse Pluralität in der Gesellschaft: Einige rechtspolitische Überlegungen zu Kopftuch & Co.“ Nicht nur rechtswissenschaftliche Überlegungen führten zu dem Schluss, dass Recht und Religion aufeinander abgestimmt sein müssen. Ist dies nicht der Fall gibt es Diskussionen über Leitkultur einerseits und Multikulturalismus andererseits. Ziel jedoch sollte es sein, Vielfalt zu gewähren, ohne Einheit zu gefährden. Die Prinzipien der Menschenwürde, Respekt füreinander, die Einheit in der Vielfalt, Beratung, das Bild von der Menschheitsfamilie – all dies kann und wird letztlich die Lösung für momentan anscheinend unlösbare Probleme sein. Auch hier fand im Anschluß ein lebhafter Gedankenaustausch statt. Das Programm wurde mit einer Andacht im Europäischen Haus der Andacht und gemeinsamem Abendessen beschlossen.

Der Sonntag begann wiederum mit einem Gebet. Danach führte Foad Kazemzadeh in die Thematik von „Säkularismus: Alternative zum Gottesstaat?“ ein. Ob Säkularismus oder Gottesstaat – in beiden Herrschaftssystemen geht es um Macht. Interessanterweise baut ein säkularer Staat auf die Werte, die von der Religion geschaffen wurden. Die Frage nach dem ob und wie eines zukünftigen Bahai-Staates konnte selbstverständlich nicht beantwortet werden. Klar ist jedoch, dass eine Bahai-Ordnung unvergleichbar mit allen heutigen Ordnungssystemen sein wird.

Schließlich referierte Frau Dr. Hale Enayati über „Die rechtliche Garantie der Religionsfreiheit“. Obwohl die Religiosnfreiheit bis heute nicht universell gewährleistet ist, darf man sich über die Fortschritte von Seiten der verschiedenen Gremien freuen, die zumindest eine Anerkennung der Rechte und Freiheiten anderer deklarieren und somit das weltweite Bewußtsein für dieses Thema gestärkt haben.

Der erfreulich junge, kompetente Vorstand der GBS beschloss das Programm mit einer Feedback-Runde und einem Ausblick auf zukünftige Vorhaben: Auch im kommenden Jahr wird es wieder eine Jahrestagung geben, möglicherweise unter anderem Namen. Es wurde deutlich, dass das GBS-Forum durchaus für jeden eine Bereicherung darstellt. Ein hohes Niveau der Vorträge für ein breites Publikum anzubieten sei die Intention, was bereits in diesem Jahr bestens gelungen ist. Zudem wird es wieder ein Studienseminar in Tambach geben; das GBS-Internet Portal (www.bahai-studien.de) soll weiter ausgebaut werden. Die Vorträge der diesjährigen Tagung werden in der Schriftenreihe der Gesellschaft für Bahai-Studien veröffentlicht.

Es bleibt zu hoffen, dass zukünftig noch mehr „Laien“ wie ich von dieser Vielfalt an Wissen profitieren werden.

Einen Kommentar schreiben

du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.


Beiträge zu ähnlichen Themen (meint jedenfalls der Computer)